Linköping – Woche acht bis zehn (29.9.- 20.10.) 

Stellt euch vor, ihr währt nicht allein in eurem Zimmer. Ihr hättet Mitbewohner. Kleine, schwarze, krabbelnde Freunde. Sie lebten in eurem Bett nur um euch ganz nah zu sein. Tagsüber zeigten sie sich nicht. Nur Nachts kämen sie heraus und gesellten sich zu euch, während ihr schlaft. Dann würden sie sich eine Stelle an eurer Haut suchen, die besonders warm und dünn ist und saugen. Denn schließlich leben sie von Blut. Von eurem Blut. Eklige Vorstellung, nicht war. Es gibt wahrlich wenige Dinge die unangenehmer sind. Ich muss es wissen. Schließlich hab ich es erlebt.

Bettwanze auf Bett

Versuch eine Bettwanze auf meiner Bettdecke zu fotografieren. Besser Bilder gibts auf wikipedia.

Die letzten Tage standen im Zeichen des Kampfes: Wombat gegen Bedbugs. Denn Bedbugs bzw. Bettwanzen heißen diese kleinen Tiere, die mein ach so trautes Heim in der vergangenen Woche heimsuchten. Das heißt, wann genau und wie sie kamen weiß keiner. Am Montag habe ich sie das erste Mal bemerkt. Eingezogen sind sie wohl schon früher. Habe ich ihre Eier von meiner Fahrradtour nach Motala oder von Exkursion am See Sommen mitgebracht? Hat irgendein Besucher ein unerwünschtes Präsent da gelassen? Oder kamen sie von dem Baum vor meinem Fenster? Fragen über Fragen, die auch das vermietende Studentenwerk Studentborstäder nicht beantworten konnten.

Ohnehin hatten die Studentbostäder-Leute nicht viele Informationen für mich parat. Als ich am Dienstag ihre Zentrale aufsuchte um meine kleinen Mitbewohner zu präsentieren, bekam ich von dem, nennen wir es mal Sachbearbeiter Ville Westman nur einen Zettel in die Hand gedrückt. Auf diesem war der Hinweis vermerkt, dass ich nicht bei jemand Anderem übernachten solle. Sonst breite sich die Plage aus und ich sei Haftbar, wenn jemand anders die Plage bekomme. Erklärung was es gegen dieses Tiere zu unternehmen gilt gab es wenig. Immer schön die Klamotten waschen, dann wird alles gut. Zum Schluss versprach mir Ville aber noch, das ein Kammerjäger kommen würde um ein bisschen Gift im Raum zu verteilen. Na, wenigsten etwas.

Der niedliche schwedische Kammerjäger, der am Nachmittag eintraf konnte mir leider auch keine Tipps geben. Er sprach nämlich ungefähr so gut Englisch wie ich Schwedisch. Also fast gar nicht. Das hemmte die Kommunikation doch etwas. Aber stutzig machte mich schon als er, während er aus meine Zimmer kam, nur „många bedbugs, många bedbugs“ rief. Denn många heißt viele. Das hatte ich im Schwedischkurs bereits gelernt. Und in diesem Falle verhießt många nichts Gutes.

Bis die Leute von Studentborstäder registrierten, dass es unmöglich ist in diesem Parasitbrutkasten zu leben, vergingen noch zwei weitere Nächte. In diesen ging ich, anstatt zu schlafen auf Bettwanzen-Jagt. Am Donnerstag mussten Ville und Stephan, der Englisch sprechende Chef der Pest-Company, doch staunen als ich ihnen offenbarte 150 Bettwanzen in nur 48 Stunden getötet zu haben. Respekt! Und dann ging alles ganz schnell: Bett weggeschmissen, Klamotten komplett gewaschen, das Zimmer mit Chemikalien voll gepumpt und versiegelt. Jetzt stellte sich nur noch eine Frage. Wo sollte ich wohnen?

Ganz einfach. In einem anderen Korridor. Diesem Angebot konnte ich nur schweren Herzens und mit dem Ekel im Hinterkopf zustimmen. Schließlich hatte ich ja gerade erst meinen Korridor zum coolsten in der gesamten Studentensiedlung ausgerufen. Tja und jetzt sitze ich hier in meinem neuen Korridor. Hier ist alles anders. Keine Gemeinschaft, kein Korridorleben und sogar die Schuhe lassen hier alle an. Na ja, aber wenigstens kann man hier in Ruhe schlafen.

Ich werde mich jetzt auf jeden Fall um Nasirs alten Raum bemühen. Der ist nämlich ab 1. November frei. Famoust Corridor, ich komm zurück. Hoffentlich!

Linköping – Woche sechs/sieben (15.9.- 28.9.)

Das Erasmus-Studium an sich ist ein großer Wettbewerb. Offiziell geht darum, wer am mulitkulturellsten ist, wer die weiteste Anreise hatte und wer die meisten Sprachen spricht. Inoffiziell geht es darum, wer am längsten feiern kann, wer dabei am besten aussieht und wer am Ende die meisten Frauen im Bett hatte. Doch es gibt noch eine Disziplin, die versteckt im Hintergrund ihr Dasein fristet und den wirklich wichtigen Dingen den Nährboden bietet, auf dem sie gedeihen können: Die Kunst des Partyveranstaltens, die mein Korridor kürzlich mit bravour ausübte.

 

Menschen haben, wenn auch nicht sichtlich Spaß

Menschen haben, wenn auch nicht sichtlich Spaß

Für die Nichtwissenden sei an dieser Stelle ein kleiner Ratgeber eingefügt, was es zu beachten gilt, will man die Menschen in seiner Umgebung mit einem Reibach beglücken, über den noch das ganze Semester gesprochen wird. Frei nach dem Motto: „Man muss nur eine Party machen, dafür aber eine Richtige“. Dazu hier sieben Regeln.

  1. Musik muss organisiert sein! Eine vernünftige Party braucht Musik. Musik zum Unterhalten zuerst, Musik zum Tanzen später. Dazu benötigt man eine Anlage mit Power und einen, der sich um die Musik kümmert. Einen DJ. Denn nichts ist anstrengender als eine Winamp-Playlist, an der sich alle fünf Minuten ein anderer Gast setzt um den gerade laufenden Song in der Mitte abzubrechen, damit er seinem Lieblingslied lauschen kann. Der DJ spürt was gerade angebracht ist und reagieren. Denn das ist sein Job.
  2. Die Räumlichkeiten sollten auf die verschiedene Gemüter zugeschnitten sein! Ab einer Größe von 50 Menschen ist es immer angebracht einen Raum zu organisieren in dem keine Musik läuft. Das erspart lästige Bitten, die Musik doch leiser zu stellen, weil man sich ja unterhalten wolle. Denn auf einer guten Party wird getanzt und das tut keiner wenn die Musik zu leise ist. Außerdem braucht man zum Tanzen Platz. Also eine Tanzfläche schaffen. Auch wenn das am Anfang der Party komisch aussieht. Am Ende zahlt es sich aus.
  3. Alkohol sollte da, aber auch rar sein! Klar. Niemand tanzt ohne Alkohol. Schlimm, aber Tatsache. Deswegen sollte man ein bisschen was zuhause haben. Allerdings nicht zu viel. Nur die Notration. Aber außergewöhnlich muss er sein. Und damit sollte man sparsam mit ihm umgehen. Nur ab und zu ein paar Brocken in die Menge werfen. Die Fische anködern. Denn wenn man schon anfängt mit Freibier für alle, dann ist das irgendwann alle und dann gehen alle nach Hause oder zu einer anderen Party. Ergo kein Freibier. 
  4. Eine schöne Atmosphäre ist die halbe Miete! Es ist verdammt nochmal ein Irrglaube das Licht nicht wichtig ist oder keinen interessiert. Nein, eine besinnliche Lichtinstallation ist das A und O für eine gute Party. Keiner tanzt wenn es zu hell ist, keiner möchte im Dunkeln sitzen weil die Glühbirnen so blenden und unter kaltem weißen Licht sieht so ziemlich jeder Superlover abstoßend aus. Also bitte, bitte irgendwie um schönes Licht kümmern. Farbige Glühbirnen, Folie, Lichterketten, Kerzen, irgendwas nur keine normales weißes Licht. Danke.
  5. Gib den Kindern was zum spielen! Exklusivität ist das Tüpfelchen auf dem Sahnehaufen bzw. die Kirsche auf dem i. Denn deine Party kann noch so schön sein, um in den Köpfen der Menschen zu bleiben musst du was organisieren, über das sich die Leute unterhalten können. Ein Konzert, eine Aufführung oder irgendeine andere Aktivität. Das fördert ganz nebenbei auch noch die Kommunikation innerhalb der Feiergemeinschaft. Man kann sich darüber mit völlig fremden Unterhalten. Am besten ist es natürlich, wenn die Gäste an der Aktivität selber teilnehmen können. Kreativität fördert das Wohlbefinden. Ach und das mit der Exklusivität geht natürlich schon bei der Einladung los. Eine mündlich ist schön und gut, eine private Party zu der Flyer gedruckt wurden ist etwas Besonderes.
  6. Was würde Mehmet Scholl tun? Versuche dich in deine Gäste hineinzudenken. Wie würdest du dich auf einer Party von anderen Leuten verhalten? Ok, also alles teure, wichtige, zerbrechlich wegräumen. Zur Not Abdeckplanen kaufen. Denn so lieb deine Gäste auch sind, wenn sie besoffen sind, sind sie tollpatschig und werden überheblich. Aber du solltest auch beachten, dass besoffene Gäste nicht doof sind. Sie sind nur faul. Wenn sie einen Mülleimer in Reichweite sehen, werden sie ihn nutzen. Wenn nicht werfen sie ihren Dreck auf den Boden. Wenn sie etwas zu essen vorfinden, knabbern sie drauf los und fühlen sich wohl. Wenn nicht kotzen sie dir das Bett voll. Das kann natürlich auch sonst vorkommen, aber essen minimiert dieses Risiko. 
  7. Schuhe an! Zu guter Letzt noch ein Tipp in Sachen Behaglichkeit. Niemand feiert gerne ohne Schuhe, niemand will in ausgelaufenes Bier latschen und niemand hat gerne kalte Füße. Ich weiß nicht wer sich einmal ausgedacht hat, dass diese „Schuhe aus“-Regeln eine gute Idee wäre. Ohne Schuhe kann man alle anderen Regeln hier vergessen. Es wird nicht getanzt, die Atmosphäre ist in Arsch und auch Mehmet Scholl hilft dann nicht mehr. Wer also dieses bisschen weniger putzen gegen eine gute Party eintauschen will kann das machen. Dann sollte er die Gäste aber eher Nachmittags laden und Kaffe und Kuchen servieren. Das nennt sich zwar Kaffeekränzchen, ist aber auch ganz nett. Mit Oma und Opa uns so.

 

Der Flyer zu unserer Party, zu unserem Glück

Jetzt fragt ihr euch, was das alles mit meinem Erasmus-Jahr in Schweden zu tun hat. Ganz einfach! Wir haben den Wettbewerb gewonnen. Ganz klar. Das kann man bereits jetzt behaupten. Ohne die Konkurrenz der nächsten zwei Monate begutachtet zu haben. Denn auf dem „Worst Beer Contest“, bei dem in etwa 200 Erasmus Studenten unsere Räumlichkeiten aufsuchten, waren alle Regeln erfüllt. Wir hatten Musik von meinem Laptop, drei befeierbare Räume, jede Menge gutes und schlechtes Bier, grünes, gelbes und blaues Licht, einen Wettbewerb um die schlechtesten, hier erhältliche Biersorte (siehe Ergebnis) an dem jeder Gast teilnehmen konnte, Abdeckplanen über der Betten und Mülleimer auf dem Flur. Selbst das mir den Schuhen konnte ich durchboxen. Also ein voller Erfolg. Wir haben den geilsten Korridor in ganz Ryd!

Nur ein Problem gibt es noch. Nasir weilt immer noch unter uns. In den letzten vier Wochen hat er sich zwar von der chauvinistischen Dreckschleuder zum ängstlichen Schattenmann gewandelt und dadurch keinen mehr gestört, aber irgendwie will man ja schon, dass so ein Verrückter nicht direkt neben einem wohnt. Schließlich kann die Eisenstange das nächste Mal ein Messer sein. Da passte es ganz gut, dass Guillaume vor kurzem auf der Internetseite unseres Vermieters gesehen hat, dass sein Raum ab 1.11. neu vermietet wird. Hurra! Endlich ein neuer Mitbewohner. Und womöglich auch noch jemand cooles. Unglücklich nur, dass wir dann ja noch eine Willkommens-Party machen müssen. Na, wenn es eben sein muss.

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