Ask your local Reiseführer
29. April 2009
Linköping – 2009: Woche 13 bis 16 (10.04.- 27.04.)
Im manchen Momenten, wenn unruhig wird sollte man sich auch mal auf das wesentliche konzentrieren. Zurück zu den Wurzel allen Übels gehen, sich einen Reibach aus dem Erlebten machen und mit der gerade gelassenen Fünfen Richtung Heimathafen segeln. Natürlich nicht ohne zuvor ein wenig Heimatkunde betrieben zu haben. Und da ich ja nun derzeit in Schweden verweile, hei0t meine momentane Heimat Schweden. Und die angestrebte Rückbesinnung lässt sich ohne große Worte durch eine einfache Frage widerspiegeln: Was ist eigentlich Schweden? Die Antwort „ein nordeuropäisches Land“ möchte ich an dieser Stelle nicht gelten lassen.
Den eigentlich ist Schweden irgendwie ja doch etwas anderes. Mit seinen neun Millionen Einwohnern verteilt auf 450.000 km2 ist Schweden viel mehr Einöde als alles andere. Zumindest bei Betrachtung der nördlichen 60 Prozent des Landes, belaufen sich die Chancen einem Rentier oder einem Menschen zufällig zu begegnen etwa auf die gleiche Prozentzahl. Und wenn man sich zu weit gen Norden verirrt kommt es sogar vor, dass einen die Menschen mit einem freundlichen „bures“ begrüßen und ein „bures bures“ zurück erwarten. In machen nord-westlichen Teilen Schwedens stellen die gut 20.000 schwedischen Sami (das in Deutschland gerne verwendete Wort Lappen wird equivalent zum Neger-Begriff von den Nordmännern als Schimpfwort betrachtet) nämlich die Mehrheit der Bevölkerung. Als Schweden sehen die sich übrigens nicht unbedingt. Und mit dem Weihnachtsmann, der ja bekanntlich in Lappland wohnt und ganz sicher ein Lappe, ähh Same ist haben sie auch einen mächtigen Fürsprecher.
Das schwedische Leben findet im Norden hauptsächlich an der Küste statt. Dort liegen nämlich die einzigen erwähnenswerten Städte der riesigen nordschwedischen Provinz Norrland. Für Studenten ist wohl die 75.000 Einwohner Metropole Umeå am interessantesten. Mit dem Gründungsjahr 1965 ist die Universität Umeås immerhin die fünft älteste und mit 15.600 Studenten auch die fünft größte Uni Schwedens. Mit 32.000 Einwohnern ist Skellefteå die kleinste der Nordstädte. Eigentlich weiß ich auch nicht mehr über die Stadt außer dass das ansässige Eishockeyteam AIK Linköping, natürlich völlig unverdient (!) aus den Play-Offs geworfen hat. Die nördlichste aller Nordstädte ist Luleå. Das spektakulärste was die 45.000 Einwohner neben den Eishockeyspielen des Luleå HF gegen AIK beobachten können soll wohl der Nordstern sein. Im Nahe gelegen Dörfchen Jukkasjärvi befindet sich außerdem ein touristisch interessantes Hotel aus Eis. So weit zum Norden.
Denn der Süden ist ja sowieso viel interessanter. Und dort läuft die Gretchenfrage meist auf ein einfaches Eliminationsverfahren hinaus: Göteborg oder Stockholm? Nordsee oder Ostsee? Achterbahn oder Streichelzoo? Beatles oder Stones? Barfuss oder Lackschuh? Die beiden Städte sind nämlich nicht nur die größten des Landes sondern repräsentieren auch noch zwei völlig verschiedene Auslegung der schwedischen Kultur. Während Göteborg, der Hafenstadt im Westen der beißende Geruch von kaltem Arbeiterschweiß anhängt kann man sich in Stockholm, der schickimicki Metropole des Ostens gar nicht satt sehen an den edlen Kronjuwelen, die allen Bewohnern um ihre Hälse zu hängen scheinen.

Die Einkaufsstraße Haga: Vor allem auf die Werbetafel des Friseurs in der rechten oberen Ecke sollte man acht geben.
Diese gefühlten Fakten lassen sich hier sogar mit eigenäugig verifizierbaren Tatsachen unterlegen. Neben den deutlich höheren ÖPNV-Preisen muss man im reichen Stockholm, das sich zum Teil auf durch Pfähle gestützte Inseln befindet, die wichtigen Kulturgüter nicht lange suchen. Auf der Altstadtinsel Gamla Stan bekommt man Schloss und altertümliche Kirchengebäude auf dem Silberteller kredenzt. In Göteborg sind die Sehenswürdigkeiten versteckter. Doch wenn man sich auf die Stadt, die von den Schweden wegen ihrer Funktion als Ausfuhrhafen nach Amerika gerne das Tor zum Westen genannt wird einlässt, kann man viele Schätze entdecken. Zum Beispiel das putzige, sich auf einem kleinen Militärschiff befindende Maritim Museum und die niedliche Einkaufstraße Haga aus dem 19. Jahrhundert. Der größte Schatz liegt allerdings einige Kilometer südlich Göteborgs. Denn auf der vor den Toren der Stadt gelegenen Inselkette Södra Skärgård kann man quasi eingefrorene Geschichte begutachten. Bei einem Streifzug über die Inseln fühlt man sich wie in einer Astrid Lindgren Geschichte vom Anfang des letzten Jahrhunderts.
Die eigentliche Heimat Lindgrens befindet ich aber noch weiter im Süden. In Småland. Fast alle Geschichten der 1907 in Vimmerby geborenen Kinderbuchautorin spielen in diesem typisch schwedischen Landstrich mit vielen Nadelwälden und kleinen Seen. Mit Kalmar befindet sich hier auch eine historisch Stätte in Småland. Bis Anfang des 16. Jahrhundert, waren Schweden, Norwegen, Island und Dänemark nämlich mal ein gemeinsames Reich gewesen. Regiert wurde dieses von der Ostseestadt. Der Name der Vereinigung war dementsprechend Kalmarer Union. So kann man neben der berühmten 6 km langen Brücke zur Insel Öland und dem im ganzen Land beliebten Werder Bremen Schwedens, dem Kalmar FF auch noch das Schloss aus dem 13. Jahrhundert begutachten.
Viel weiter südlich kann man dann auch schon gar nicht mehr gehen ohne in Dänemark zu landen. Ja, ein Blick in die Geschichte offenbart sogar, dass die südlichsten Provinzen Schwedens lange Zeit zum dänischen Königreich gehörte und erst kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg von Karl Gustav X. erobert wurde. Die Nähe zur dänischen Kultur soll man in Skåne (zu deutsch: Schonen) auch sonst merken. Immer mehr Dänen kaufen sich Ferienhäusern in der Region. Der Bau der Öresundbrücke und die Ausrufung der Region Malmö/Kopenhagen zur ersten und einzigen transnationalen Metropolregion der EU wirkt dieser Entwicklung nicht gerade entgegen. Ob dies allerdings der einzige Grund ist warum die Skåner innerhalb Schwedens eher müde belächelt werden entzieht sich meiner Kenntnis. Ich kann hier nur auf dem schwedischen Trinksong „Mera brännvin i glasen“ hinweisen. Dort heißt es nämlich mit doppeldeutigem Augenzwinkern auf einen gleichnamigen Schnaps bezogen: „Mera Skåne, gudbevars!“. Das sagt ja wohl alles.
Die Seifenblasenattake
13. April 2009
Linköping-2009: Woche vier bis zwölf (12.02.- 09.04.)
Es tut mir Leid. Ich muss jetzt ein gängiges Weltbild zerstören. Lange habe auch ich versucht an dem guten Gedanken festzuhalten, aber am vergangenen Wochenende musste ich machtlos zusehen wie er sich Blitzschnell in die Überzeugung des Gegenteils umwandelte. Ich weiß, man will es eigentlich nicht hören. Aber ich werde es jetzt klar und deutlich aussprechen: Schweden ist kein Paradies. Nein, noch nicht mal ein bisschen. Und seit letztem Wochenende ist mir auch bewusst, dass ich mir ein Leben dort in Zukunft auf keinen Fall vorstellen kann. Aber beginnen wir ganz vorne.
Es ist Samstag. Der Tag an dem man laut Ausgehzwang an einer der wochenendlichen Abendveranstaltungen teilnehmen muss. Dieser Samstag ist aber ein Besonderer. Denn die Auswahl der angepeilte Belustigung findet heute nicht unter dem Motto Verzweiflung statt, sondern ist seit Wochen im Voraus geplant und wohlweislich überlegt. In dem eher attraktionsarmen Partyleben Linköpings sollte die Studentenparty mit dem Namen „90s Flashback“ einen Höhepunkt darstellen. Das dieser Höhepunkt ein negativer seien sollte hatte da noch keiner geahnt. Also wurde sich schick gemacht, mit Grillfleisch vom ersten BBQ des Jahres, Alkohol aus diversen duty-free Erwerbungen, durchgedrehten Neonkleidern und etwas Spielzeug. Hierbei offenbart die Aufzählung der Spielzeuge eine ungeahnte Brisanz. Im Sortiment befanden sich nämlich neben den üblichen Knicklichtern und einem Jojo auch zwei Fläschchen gemeingefährlichen Luftblasenwassers inklusive dazugehöriger Blasvorrichtung. Leicht angetrunken und fröhlich ging es somit zum Nationalhus (NH).
Die nächste Aufgabe bestand darin sich und die hinterhältige Seifenwasserwaffe an den Türstehern vorbei zu schmuggeln. Was auch ganz passabel klappte. Es gelang uns sogar noch Guillaume und seine Freundin ohne die, eine Woche zuvor erworbenen Eintrittskarten in den Club zu lotsen. Eine kriminelle Ader hätte man uns dabei schon unterstellen können. Aber als wir uns in den Partyraum begaben und ein kleines Podest betraten um unseren 90er Jahre Flashback zu zelebrieren war allerdings kein krimineller Hintergedanke im Spiel. Die Security bat uns trotzdem herunter. Ohne Grund – warum auch immer. Egal. Wir verließen die Bühne des Vertrauens.
Allerdings konnte ich das nicht über mich ergehen lassen ohne dem Secutity-Mann zu zeigen wie schwachsinnig ich seine Regeln finde. Und da kam dann endlich die Tatwaffe ins Spiel. Ich zückte also meine Luftblasenkanone und schleuderte ein Geschoss in die Richtung des Raumwächters. Einmal erließ er es über sich ergehen. Doch als ich beim Verlassen des Raums ein zweites Mal eine Luftblasenarmada in seine Richtung schickte tickte er aus. Er rannte zu mir, fasste mich mit starker Hand an uns wollte mich ohne zu zögern rauswerfen.
In völliger Verkennung der Lage machte ich mich aus seinem Griff los und fragte „why?“. Da war aber schon alles zu spät. Sofort war ich von drei Securitys umringt von denen mir einer den Arm auf dem Rücken verdrehte. Das nächste an das ich mich erinnere ist, dass sie mich auf den Boden warfen und ein riesiger Tumult entstand. Meine Partymitstreiter haben mir später erzählt, dass sich zu diesem Zeitpunkt schon sieben schwarz gekleidete Männer um mich herum befanden. Drei waren damit beschäftigt, mir meinen Arm auf dem Rücken weiter zu verdrehen. Mein einzige Reaktion waren laute Schmerzensschreie. Das war den Securities zu viel. Mir wurden Handschellen angelegt.
Abgeführt ging es aus dem Club in Richtung Polizeibus. Mein erste Reaktion war Freude. Endlich raus aus den Fängen der privaten Securityfirma, auf zu Vater Staat. Ich dachte die Polizei würde nun beide Seiten vernehmen und die Security wegen ihres rauen Verhaltens zurechtweisen. Aber falsch gedacht. Die Polizisten wechselten ein paar Worte mit den Sicherheitsschergen, dann war der Fall gegessen. Entscheidung: Ich muss in die Ausnüchterungszelle. Nein, mit mir zu reden fällt ihnen nicht ein und die Handschellen konnte ich ja auch gleich anbehalten.
Die gefallene Entscheidung dämmert mir nur langsam als ich aufgefordert wurde meine Wertsachen in der Hauptstation der Polizeifestung abzugeben. Auf meine Frage ob ich vielleicht in einen Alkoholgehaltmesser blasen könnte, nur um ihre Entscheidung zu verifizieren, meinte der Hauptpolizist: „No, I can see that you’re drunk“. Na, er muss es ja wissen. Ich hatte übrigens seit dem BBQ lediglich drei Bier und vier Longdrinks getrunken. Über mehrere Stunden. Angetrunken ja – betrunken nein.
So saß ich also vier Stunden hinter kalten schwedischen Gardinen. An schlafen war nicht zu denken. Viel zu aufgewühlt war ich über die Ungerechtigkeit meiner Situation und über die gefährliche Verwebungen zwischen Polizei und Secutity. Ich würde den Schweden mal raten, sich ein bisschen mehr Sorgen über die Lage ihrer Nation zu machen. Während des ganzen Vorfalls standen die schwedischen Studenten nämlich tatenlos daneben und guckten weg. Motto: „wird schon OK sein“. Die einzigen die sich einmischten waren Leute aus unserer Truppe. Das Ergebnis: Mar wurde aus dem Club geworfen, Sigi musste Ewigkeiten diskutieren um ihre und meine Jacke zu bekommen und Julian wurde gleich hinterher in die Zelle gesteckt.
So viel zum Sozialparadies Schweden. Jetzt freue ich mich jedenfalls schon auf die Rückkehr nach Deutschland.


