Die Seifenblasenattake

13. April 2009

Linköping-2009: Woche vier bis zwölf (12.02.- 09.04.)

Es tut mir Leid. Ich muss jetzt ein gängiges Weltbild zerstören. Lange habe auch ich versucht an dem guten Gedanken festzuhalten, aber am vergangenen Wochenende musste ich machtlos zusehen wie er sich Blitzschnell in die Überzeugung des Gegenteils umwandelte. Ich weiß, man will es eigentlich nicht hören. Aber ich werde es jetzt klar und deutlich aussprechen: Schweden ist kein Paradies. Nein, noch nicht mal ein bisschen. Und seit letztem Wochenende ist mir auch bewusst, dass ich mir ein Leben dort in Zukunft auf keinen Fall vorstellen kann. Aber beginnen wir ganz vorne.

Ganz schön gefährlich - Seifenblasen in Aktion

Ganz schön gefährlich! - Seifenblasen in Aktion

Es ist Samstag. Der Tag an dem man laut Ausgehzwang an einer der wochenendlichen Abendveranstaltungen teilnehmen muss. Dieser Samstag ist aber ein Besonderer. Denn die Auswahl der angepeilte Belustigung findet heute nicht unter dem Motto Verzweiflung statt, sondern ist seit Wochen im Voraus geplant und wohlweislich überlegt. In dem eher attraktionsarmen Partyleben Linköpings sollte die Studentenparty mit dem Namen „90s Flashback“ einen Höhepunkt darstellen. Das dieser Höhepunkt ein negativer seien sollte hatte da noch keiner geahnt. Also wurde sich schick gemacht, mit Grillfleisch vom ersten BBQ des Jahres, Alkohol aus diversen duty-free Erwerbungen, durchgedrehten Neonkleidern und etwas Spielzeug. Hierbei offenbart die Aufzählung der Spielzeuge eine ungeahnte Brisanz. Im Sortiment befanden sich nämlich neben den üblichen Knicklichtern und einem Jojo auch zwei Fläschchen gemeingefährlichen Luftblasenwassers inklusive dazugehöriger Blasvorrichtung. Leicht angetrunken und fröhlich ging es somit zum Nationalhus (NH). 

Die nächste Aufgabe bestand darin sich und die hinterhältige Seifenwasserwaffe an den Türstehern vorbei zu schmuggeln. Was auch ganz passabel klappte. Es gelang uns sogar noch Guillaume und seine Freundin ohne die, eine Woche zuvor erworbenen Eintrittskarten in den Club zu lotsen. Eine kriminelle Ader hätte man uns dabei schon unterstellen können. Aber als wir uns in den Partyraum begaben und ein kleines Podest betraten um unseren 90er Jahre Flashback zu zelebrieren war allerdings kein krimineller Hintergedanke im Spiel. Die Security bat uns trotzdem herunter. Ohne Grund – warum auch immer. Egal. Wir verließen die Bühne des Vertrauens.

Allerdings konnte ich das nicht über mich ergehen lassen ohne dem Secutity-Mann zu zeigen wie schwachsinnig ich seine Regeln finde. Und da kam dann endlich die Tatwaffe ins Spiel. Ich zückte also meine Luftblasenkanone und schleuderte ein Geschoss in die Richtung des Raumwächters. Einmal erließ er es über sich ergehen. Doch als ich beim Verlassen des Raums ein zweites Mal eine Luftblasenarmada in seine Richtung schickte tickte er aus. Er rannte zu mir, fasste mich mit starker Hand an uns wollte mich ohne zu zögern rauswerfen.

Securitas - Die Hüter der exekutiven Gewalt in Schweden

Securitas - Die Hüter der exekutiven Gewalt in Schweden

In völliger Verkennung der Lage machte ich mich aus seinem Griff los und fragte „why?“. Da war aber schon alles zu spät. Sofort war ich von drei Securitys umringt von denen mir einer den Arm auf dem Rücken verdrehte. Das nächste an das ich mich erinnere ist, dass sie mich auf den Boden warfen und ein riesiger Tumult entstand. Meine Partymitstreiter haben mir später erzählt, dass sich zu diesem Zeitpunkt schon sieben schwarz gekleidete Männer um mich herum befanden. Drei waren damit beschäftigt, mir meinen Arm auf dem Rücken weiter zu verdrehen. Mein einzige Reaktion waren laute Schmerzensschreie. Das war den Securities zu viel. Mir wurden Handschellen angelegt. 

Abgeführt ging es aus dem Club in Richtung Polizeibus. Mein erste Reaktion war Freude. Endlich raus aus den Fängen der privaten Securityfirma, auf zu Vater Staat. Ich dachte die Polizei würde nun beide Seiten vernehmen und die Security wegen ihres rauen Verhaltens zurechtweisen. Aber falsch gedacht. Die Polizisten wechselten ein paar Worte mit den Sicherheitsschergen, dann war der Fall gegessen. Entscheidung: Ich muss in die Ausnüchterungszelle. Nein, mit mir zu reden fällt ihnen nicht ein und die Handschellen konnte ich ja auch gleich anbehalten.

Die gefallene Entscheidung dämmert mir nur langsam als ich aufgefordert wurde meine Wertsachen in der Hauptstation der Polizeifestung abzugeben. Auf meine Frage ob ich vielleicht in einen Alkoholgehaltmesser blasen könnte, nur um ihre Entscheidung zu verifizieren, meinte der Hauptpolizist: „No, I can see that you’re drunk“. Na, er muss es ja wissen. Ich hatte übrigens seit dem BBQ lediglich drei Bier und vier Longdrinks getrunken. Über mehrere Stunden. Angetrunken ja – betrunken nein.

So saß ich also vier Stunden hinter kalten schwedischen Gardinen. An schlafen war nicht zu denken. Viel zu aufgewühlt war ich über die Ungerechtigkeit meiner Situation und über die gefährliche Verwebungen zwischen Polizei und Secutity. Ich würde den Schweden mal raten, sich ein bisschen mehr Sorgen über die Lage ihrer Nation zu machen. Während des ganzen Vorfalls standen die schwedischen Studenten nämlich tatenlos daneben und guckten weg. Motto: „wird schon OK sein“. Die einzigen die sich einmischten waren Leute aus unserer Truppe. Das Ergebnis: Mar wurde aus dem Club geworfen, Sigi musste Ewigkeiten diskutieren um ihre und meine Jacke zu bekommen und Julian wurde gleich hinterher in die Zelle gesteckt.

So viel zum Sozialparadies Schweden. Jetzt freue ich mich jedenfalls schon auf die Rückkehr nach Deutschland.

3 Antworten zu “Die Seifenblasenattake”

  1. micke sagte

    ganz ganz schlecht. Julian hat mir das auf skype früher erzählt, ist aber auch immer gut deine version zu hören. Aber ja in dieser hinsicht ist NH leider keine ausnahme , die securitas, bullen und die sicherheitsleuten sind in allgemeinen intolleranter geworden in Linköping und Schweden. Ich verstehe doch nicht den grund dazu… :(

  2. [...] (nicht zu verwechseln mit Stolz), dass ich in Deutschland geboren bin. Ich möchte hier allein auf die Umstände der Seifenblasenattake hinweisen. Mir ist ein Land in dem die Polizei eher ein gespanntes Verhältnis zu privaten [...]

  3. [...] verschiedensten Situationen erlebt und in diesem Blog zumindest nebenbei bereits erwähnt. Bei der Seifenblasenattacke waren die gesetzestreuen schwedischen Clubbesucher sehr einverstanden mit dem Abtransport eines [...]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.