Wie fühlen Sie sich denn nun, mein Herr?
16. August 2009
Linköping 09: Woche 17 bis 22 (28.04.- Mitte Juni) – Resümee I
Irgendwie ist es doch wahr! Das Leben bewegt sich in Kreisen. Und da ein Kreis ja bekanntlich rund ist, steht man am Ende wieder dort, wo man angefangen hat: Vor gepackten Koffern in einem aufgeräumten Zimmer auf die menschenleeren Straßen der Studentensiedlung Ryd blickend. Die Gewissheit im Hinterkopf, dass sie jetzt vorbei sind, die zehn Monate in einem fremden Land, zwischen Heimweh und Internationalismus, zwischen Kulturschock und euphorischem Entdeckergeist. Zeit ein Resümee zu ziehen.

Jan Herzmann, August Strindberg und Phillip Wilke aus dem Land der Dichter und Denker... oder so ähnlich.
Bevor ich mich nach Schweden aufmachte hatte ich einen, nein viele große Pläne: Musizieren, Hausarbeiten schreiben, Sprachen lernen, Kulturen verstehen und einiges mehr stand auf der Agenda. Doch wie so häufig, schafft man das meiste nicht oder nur teilweise. Die Effektivität der Einsamkeit verliert sich doch allzu schnell in den Gewohnheiten des Alltags. Dass ich meinen Auslandsaufenthalt trotzdem als Erfolg werte, ist dem nun erweiterten Horizont geschuldet. Denn nicht nur mein Wissen und mein Verständnis gegenüber fremden Kulturen sondern auch mein Blick auf Deutschland hat sich verändert. Vieles was hierzulande passiert, sehe ich nun nicht mehr so kritisch. Denn ich weiß jetzt, dass es in anderen Ländern noch schlimmer läuft. Auf der anderen Seite kann ich einige, für die deutsche Gesellschaft selbstverständliche Abläufe nun auf kauziges Verhalten zurückführen.
Erklären möchte ich diesen Sinneswandel anhand einer Situation, die sich erst vor kurzem in Stockholm ereignet hat. Genauer gesagt um 1h nachts auf dem Weg vom Stockholmer Hauptbahnhof zu meiner Unterkunft. Als Transportmittel hatte ich einen öffentlichen Bus ausgewählt. Als Zahlungsmittel Bargeld oder Kreditkarte. Doch als ich dem Busfahrer beim einsteigen das Geld für eine Fahrkarte in die Hand drücken wollte, schüttelte dieser nur mit dem Kopf. Er erklärte mir, dass man Fahrkarten nur bei einem der vielen Tabakwarenläden oder per sms mit dem Handy erwerben könne. Nun, leider machen die Tabakläden, selbst die direkt am Hauptbahnhof der Hauptstadt, spätestens um 23h zu und auf meiner schwedischen pre-paid Karte war kein Guthaben mehr. Die Lösung des Problems war dann aber doch einfacher als gedacht. Der Busfahrer merkte freundlich an, dass er mich in diesem Fall gar nicht gesehen hat und ließ mich passieren.
Dieser Vorfall offenbart zwei Unterschiede zwischen Schweden und Deutschen. Einerseits zeigt sich dadurch, wie schusselig und unlogisch die Schweden doch manchmal in ihren Planungen sind. Auf der anderen Seite offenbart sich in der unkomplizierten Lösung des Problems eine gewisse Kompromissfähigkeit. Die Schweden haben also gelernt mit ihrer Schusseligkeit umzugehen. Hätte sich diese Situation in einem deutschen Bus ereignet, hätte man schon einen sehr netten Busfahrer erwischen müssen, um doch noch an sein Ziel zu kommen. Der deutsche Busfahrer wäre immer davon ausgegangen, dass man ihm nur irgendetwas erzählt um die zwei Euro für die Fahrkarte zu sparen. Und damit liegt er meist auch richtig: Nie wäre ein deutsches Verkehrsunternehmen so blöd eine Situation in der man keine Fahrkarte kaufen kann entstehen zu lassen.

Die Schweden kümmern sich um ihre Jugend. Skate Pools wurden in den 90ern en mass gebaut. Heute scheinen sie nicht mehr so bleibt zu sein...
Zusammenfassend muss man aber anmerken, dass beide Systeme funktionieren: Auf ihre eigene Art und Weise. Schlechter oder schlimmer ist weder die deutsche Borniertheit noch die schwedische Fehlplanung. Trotzdem gibt es einige Dinge wegen denen ich froh darüber bin (nicht zu verwechseln mit Stolz), dass ich in Deutschland geboren bin. Ich möchte hier allein auf die Umstände der Seifenblasenattake hinweisen. Mir ist ein Land in dem die Polizei eher ein gespanntes Verhältnis zu privaten Sicherheitsdiensten pflegt dann doch um einiges lieber als eine Nation in der allein das Widersprechen eines Ordnungshüters als Affront gewertet wird. Natürlich werden auch positive Eindrücke von der schwedischen Kultur bleiben. Zum Beispiel die Abkopplung der Bildungsfinanzierung von dem Vermögen der Familien und die gesellschaftliche Einbindung von Kinderbedürfnissen. Insgesamt ist mein Bild aber eher getrübt.
Getrübt ist allerdings nicht meine Euphorie, mit der ich damals abgereist bin. Auch nach zehn Monaten im Ausland bin ich immer noch fasziniert von der Unterschiedlichkeit verschiedener Kulturen. Eigentlich hat mich die Zeit hier eher noch heißer gemacht. Ich muss noch so viele andere Regionen, Länder und Kontinente besichtigen und noch so viel über die Gedankenwelt von Menschen mit den verschiedensten Prägungen lernen! Da passt es mir natürlich, dass ich hier so viele verschiedenen Menschen kennen gelernt habe und nun meine Kontaktfinger in die ganze Welt ausstrecken kann. Doch am wichtigsten für die Erfüllung dieser Wissbegierde ist die gelungene Einhaltung wenigstens eines meiner anfangs gesetzten Ziele: Mich auf Englisch ohne Probleme verständigen zu können. Den ohne Englisch geht international gar nichts. Ohne Englisch ist man national. Und wer will das schon.