Ein Fehler im System
22. September 2009
Linköping – 2009: Resümee Teil II
Bevor ich ich mich nach Schweden aufmachte dachte ich, die Schweden sind ein freundliches, wenn auch kühles, tolerantes Volk, dass auf seine Umwelt acht gibt, ein funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem besitze und sich besonders um seine Kinder und deren Bildung kümmert. Kurzum, Schweden schien das Paradies auf Erden. Aufgeschnappt hatte ich diese Vorurteile an verschiedenen Stellen. Ob Schweden bereisende Bekannte oder Schwedenartikel schreibende Journalisten; jeder wollte mir erzähle, dass es erstrebenswert wäre sich mal einen Scheibe abzuschneiden von dem skandinavischen Wohlfahrtsstaat. Sicher stimmen einige der Vorurteile (die Schere zwischen Arm und Reich ist tatsächlich nicht so groß und die innere Überzeugung das Gleichheit ein erstrebenswerter zustand ist scheint bei den Schweden wirklich verankert zu sein). Aber einige muss ich an dieser Stelle widerlegen.

Schönheit in Haus-Form - Die vårdcentral in Ryd
Fangen wir an mit dem Gesundheitssystem. Zuerst das positive: Es gibt nur keine gesetzliche Krankenkassen. Das Gesundheitssystem wird in Schweden durch die Steuern finanziert und die Leistungen sind für alle, ob Schwede oder in Schweden wohnender Ausländer die Gleichen. Der große Nachteil: Diese Leistungen sind eher dürftig und die Wege zu einem echten Arzt sind sehr lang. Es gibt nämlich im ganzen Land keine Facharztpraxen. Man muss sich zuerst mit einem Telefoncomputer der staatlichen Nachbarschafts-Polikliniken, genannt vårdcentral herumschlagen, um einen Termin mit einer nicht sonderlich kompetenten Krankenschwester zu bekommen. Diese sagt einem dann, wann der Arzt den man benötigt in der entsprechenden vårdcentral vorbei kommt. Für mich hieß das, nach zweiwöchigen Versuchen wegen meiner Schuppenflechte einen Termin beim Hautarzt zu bekommen aufgeben und den Arztbesuch beim nächsten Heimaturlaub zu erledigen.
Ähnlich lange Wartezeiten soll es auch geben wenn man sich einer nicht lebensnotwendigen Operation unterziehen muss. Mein Korridorkollege Julian hatte das Vergnügen wegen eines Exems am Fuß im Januar auf Juli vertröstet worden zu sein. Auch er zog es vor sich im Heimaturlaub in Spanien operieren zu lassen. Neben den Wartezeiten sind auch die Praxisgebühren ein Problem. Denn ähnlich wie bei uns muss man in Schweden pro Behandlung in einer vårdcentral 100 schwedische Kronen (SEK – Kurs zu Euro zirka 1 zu 10) bezahlen, eine Behandlung im Krankenhaus kostet 350 SEK und ein Tag Krankenhausaufenthalt 80 SEK. Allerdings existiert eine Kostendeckelung. Ab 900 SEK ist jegliche Behandlung kostenfrei. Der Selbstanteil an Medikamente muss natürlich weiter gezahlt werden. Ausgenommen aus diesen Leistungen ist der Zahnarzt. Diesen muss der Patient ab seinem 20. Lebensjahr komplett selbst zahlen. Lediglich die Routineuntersuchung wird vom Staat übernommen. Für den Rest kann man sich privat versichern, muss es aber nicht. Apropos privat Zusatzversicherung: Die gibt es auch innerhalb des normalen Gesundheitssystem. Und lange auf einen Arzt warten müssen diese, besonderen Patienten bestimmt nicht.
Ein weiteren Fehler im System meine ich bei der Ausbildung gefunden zu haben. Zwar ist die Schule in Schweden mit einer 9jährigen Einheitsschule und einem praxisbezogen Kurssystem relativ fortschrittlich. Auf die Kompetenz der späteren Lohnabnehmer scheint sich dies nicht positiv auszuwirken. Denn die Art schwedischer Arbeitnehmer mit denen ich in Kontakt gekommen bin war fast ausnahmslos, na ja sagen wir mal wenig kompetent. Die Bediensteten der Kammerjägerfirma z. B. und die Tankstellenangestellte, die keine Ahnung hatte welches der vier Ölsorten im Sortiment für einen VW Bus gebräuchlich ist, sind nur zwei Beispiele. Ständig hab ich es erlebt, dass Angestellte zu ihrem Job gehörende Dinge nicht wussten. Dann wurde zum Telefonhörer gegriffen und eine anscheinend kompetentere Person angerufen. Als Ursache vermute ich eine nicht besonders intensive Beziehung der Schweden zu ihrem Job. Mir kam es meist so vor als würden die meisten Arbeiter und Angestellten nur ihre Stunden absitzen um nach etlichen fika (Kaffepausen) und einer ausgiebigen Mittagspause endlich in den Feierabend gehen zu können.
Sicherlich ist in Deutschland nicht alles besser. Hierzulande werden die Arbeitnehmer halt einem riesigen Druck ausgesetzt, damit sie nicht ihre Zeit vertrödeln. Aus Sicht der Arbeitgeber sollte man hier ja sogar noch nach dem Feierabend, zumindest gedanklich im Betrieb/Büro verweilen. Bei schwedisch-unkompetentem Verhalten und ständigem Anrufen des Vorgesetzten droht in Deutschland der Rauswurf. Menschlich gesehen ist die schwedische Version da schon um einiges besser. Aber wäre es nicht eigentlich wünschenswert, dass die Menschen ihre Arbeit so sehr mögen, dass sie auch ohne Druck ihr bestes Geben. Also mich würde eine Arbeit bei der ich mich den ganzen Tag eigentlich nur auf den Feierabend freue fertig machen. Aber vielleicht ist das ja nur meinen Meinung.

10W40. Und nicht unbedingt die billigste Sorte. Damit kann man eigentlich fast nichts falsch machen (Achtung gilt nicht unbedingt für modernere Autos aus, da muss man mitunter wissen, was man tut)