Die hörigen Schweden

6. Dezember 2009

Linköping – 2009: Bis zum Ende – Resümee Teil III

Denken ist gut, Erleben ist besser. Ich habe es erlebt, oder besser gesagt sie erlebt: Die Schweden. Wenn ich jetzt im dritten und letzten Teil meines Resümees provokant über die Verhaltensweisen des nordischen Völkchens berichte und im Zuge dieser Zusammenfassung die Schweden als gesetzestreue, naive und aalglatte Uniformierungsfanatiker verunglimpfe, dann ist das zwar überzogen, hat aber seinen Grund. All diese Eigenschaften habe ich in den verschiedensten Situationen erlebt und in diesem Blog zumindest nebenbei bereits erwähnt. Bei der Seifenblasenattacke waren die gesetzestreuen schwedischen Clubbesucher sehr einverstanden mit dem Abtransport eines Unruhestifter. Meine Probleme mit dem Stockholmer Fahrkartensystem ohne Geldautomaten setzten eine gehörige Portion Naivität in den Planungsbüros der Bussgesellschaft voraus. Und die ganzen verrückten Universitätsritualen sind nur ein Beispiel für das Faible der Schweden für Uniformen und Gleichschritt.

Ja, das sind Studenten als Krokodile verkleidet. Mein erster Eindruck von der Linköpinger Universität...

Woher diese Eigenschaften kommen und wie das alles zusammen passt, kann ich nur vermuten. Sicherlich hat es was mit der schwedischen Geschichte zu tun und mit der Jahrzehntelangen Herrschaft der Sozialdemokratie. Die Schweden hatten kein drittes Reich. Dementsprechend halten sich die Berührungsängste mit uniformierten Massen und Nationalbewusstsein in Grenzen. Man geht als Schwede auch eher zur Armee als zum gleichgestellten Zivildienst. Außerdem herrscht die Einstellung vor, dass der Staat schon alles richtig machen wird und besser weiß, was für einen gut ist als man selbst. Der Staat als Volksheim ist die schwedische Philosophie. Ich habe tatsächlich von zwei Schweden gehört, dass es doch besser für ihr Volk ist, dass es Alkohol nur im staatseigenen Systembolaget zu erwerben gibt. Schließlich hätten die Schweden in der Vergangenheit ja bewiesen, dass sie nicht mit Alkohol umgehen können…

Genau diese Ansicht finde ich extrem problematisch. Im Fall von Polizei- bzw. Security-Konfrontation führt das dazu, dass der gemeine Schwede ohne Nachfragen tut was ihm aufgetragen wird. Diese Männer werden schon wissen was sie tun, ist der Gedanke. Das dies aber nicht unbedingt der Fall ist und man lernen sollte selbst einzuschätzen was gut für einen ist, haben die Schweden nicht verstanden. Auch das man ab und zu mal Gesetze übertreten muss um sie überhaupt wirklich zu verstehen, scheint in dem Land keine Überlegung Wert zu sein. Ich glaube auch aus diesem Grund ist die Piratenpartei in Schweden so stark. In unserem Internetzeitalter kommt man mit den alten Regeln des Urheberrechts und des Datenschutzes nicht mehr weiter. Doch wo der Deutsche einfach illegal seine Songs herunterläd ohne mit der Wimper zu zucken, hat der Schwede Gewissensbisse. Schließlich hält man sich in Schweden an das Gesetz. Deswegen muss das Gesetz in dieser Hinsicht schnellstmöglich geändert werden. Und dafür stehen die Piraten.

Meine Damen und Herren, das ist Style auf schwedisch...

Von der Gesetzestreue möchte ich noch einmal auf die Uniformierung zurück kommen. Denn neben dem universitären Overall-Phänomen, das übrigens bereits in der Schulzeit beginnt, scheinen die Schweden auch im Privaten Einheitskleidung zu bevorzugen. Zumindest was den Look angeht habe ich wenig Unterschiede entdeckt. Bei Frauen findet man fast ausschließlich die verschiedenen Variationen von weiblich-kindisch-aufreizend, während die Jungs gern mal elegant aussehen. Ein Anzugträger im Club ist keinen Seltenheit. Genauso wie das Klackern von High-Heels. Zwar können die Schwedinnen auf den hohen Schuhen kein bisschen elegant laufen, aber zum richtigen Feiern gehören sie halt dazu. Eine Frau mit Baggie-Jeans habe ich während meines gesamten Aufenthalts übrigens nur einmal gesehen. Das war auf dem Unigelände. Die Dame hatte einen dunklen Teint und ein buntes Outfit. Ich vermute sie war Spanierin.

Eine positive Auswirkung dieses ganzen Einheitsmodewahns möchte ich aber auch noch erwähnen. Dadurch dass ja immer alle den selben Look tragen und alle ständig auf dem neusten Stand seinen wollen herrscht in den Modeläden eigentlich ständig Rea (Rabat). Gesenkte Preise um bis zu 75% sind da keine Seltenheit. Ich habe noch nie so billig Klamotten gekauft, die bei uns als exklusiv durchgehen würden. Ich möchte an dieser Stelle nur auf meine Cheap Monday Klamotten Hinweisen. Von dem Label was die Karottenhosen wieder salonfähig machte, besitze ich nun zwei Hosen (keine Karotte!), eine Jacke und zwei Unterhosen. Gesamtkosten weniger als 50 Euro.

Vielleicht gibt es auch aus diesem Grund in Schweden ja weder Dreck auf den Straßen noch dreckigen Menschen, Penner oder sonstige Freaks. Wenn die tollen Styler-Klamotten schon so billig sind, kann sie sich eh jeder leisten. Das schlimmste was einem Schweden dann passieren kann, ist das Outfit vom letzten Jahr anzuhaben. Da kann ich nur hoffen, dass sich die Schweden in Berlin hoffnungslos overdressed vorkommen.


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