Die hörigen Schweden

6. Dezember 2009

Linköping – 2009: Bis zum Ende – Resümee Teil III

Denken ist gut, Erleben ist besser. Ich habe es erlebt, oder besser gesagt sie erlebt: Die Schweden. Wenn ich jetzt im dritten und letzten Teil meines Resümees provokant über die Verhaltensweisen des nordischen Völkchens berichte und im Zuge dieser Zusammenfassung die Schweden als gesetzestreue, naive und aalglatte Uniformierungsfanatiker verunglimpfe, dann ist das zwar überzogen, hat aber seinen Grund. All diese Eigenschaften habe ich in den verschiedensten Situationen erlebt und in diesem Blog zumindest nebenbei bereits erwähnt. Bei der Seifenblasenattacke waren die gesetzestreuen schwedischen Clubbesucher sehr einverstanden mit dem Abtransport eines Unruhestifter. Meine Probleme mit dem Stockholmer Fahrkartensystem ohne Geldautomaten setzten eine gehörige Portion Naivität in den Planungsbüros der Bussgesellschaft voraus. Und die ganzen verrückten Universitätsritualen sind nur ein Beispiel für das Faible der Schweden für Uniformen und Gleichschritt.

Ja, das sind Studenten als Krokodile verkleidet. Mein erster Eindruck von der Linköpinger Universität...

Woher diese Eigenschaften kommen und wie das alles zusammen passt, kann ich nur vermuten. Sicherlich hat es was mit der schwedischen Geschichte zu tun und mit der Jahrzehntelangen Herrschaft der Sozialdemokratie. Die Schweden hatten kein drittes Reich. Dementsprechend halten sich die Berührungsängste mit uniformierten Massen und Nationalbewusstsein in Grenzen. Man geht als Schwede auch eher zur Armee als zum gleichgestellten Zivildienst. Außerdem herrscht die Einstellung vor, dass der Staat schon alles richtig machen wird und besser weiß, was für einen gut ist als man selbst. Der Staat als Volksheim ist die schwedische Philosophie. Ich habe tatsächlich von zwei Schweden gehört, dass es doch besser für ihr Volk ist, dass es Alkohol nur im staatseigenen Systembolaget zu erwerben gibt. Schließlich hätten die Schweden in der Vergangenheit ja bewiesen, dass sie nicht mit Alkohol umgehen können…

Genau diese Ansicht finde ich extrem problematisch. Im Fall von Polizei- bzw. Security-Konfrontation führt das dazu, dass der gemeine Schwede ohne Nachfragen tut was ihm aufgetragen wird. Diese Männer werden schon wissen was sie tun, ist der Gedanke. Das dies aber nicht unbedingt der Fall ist und man lernen sollte selbst einzuschätzen was gut für einen ist, haben die Schweden nicht verstanden. Auch das man ab und zu mal Gesetze übertreten muss um sie überhaupt wirklich zu verstehen, scheint in dem Land keine Überlegung Wert zu sein. Ich glaube auch aus diesem Grund ist die Piratenpartei in Schweden so stark. In unserem Internetzeitalter kommt man mit den alten Regeln des Urheberrechts und des Datenschutzes nicht mehr weiter. Doch wo der Deutsche einfach illegal seine Songs herunterläd ohne mit der Wimper zu zucken, hat der Schwede Gewissensbisse. Schließlich hält man sich in Schweden an das Gesetz. Deswegen muss das Gesetz in dieser Hinsicht schnellstmöglich geändert werden. Und dafür stehen die Piraten.

Meine Damen und Herren, das ist Style auf schwedisch...

Von der Gesetzestreue möchte ich noch einmal auf die Uniformierung zurück kommen. Denn neben dem universitären Overall-Phänomen, das übrigens bereits in der Schulzeit beginnt, scheinen die Schweden auch im Privaten Einheitskleidung zu bevorzugen. Zumindest was den Look angeht habe ich wenig Unterschiede entdeckt. Bei Frauen findet man fast ausschließlich die verschiedenen Variationen von weiblich-kindisch-aufreizend, während die Jungs gern mal elegant aussehen. Ein Anzugträger im Club ist keinen Seltenheit. Genauso wie das Klackern von High-Heels. Zwar können die Schwedinnen auf den hohen Schuhen kein bisschen elegant laufen, aber zum richtigen Feiern gehören sie halt dazu. Eine Frau mit Baggie-Jeans habe ich während meines gesamten Aufenthalts übrigens nur einmal gesehen. Das war auf dem Unigelände. Die Dame hatte einen dunklen Teint und ein buntes Outfit. Ich vermute sie war Spanierin.

Eine positive Auswirkung dieses ganzen Einheitsmodewahns möchte ich aber auch noch erwähnen. Dadurch dass ja immer alle den selben Look tragen und alle ständig auf dem neusten Stand seinen wollen herrscht in den Modeläden eigentlich ständig Rea (Rabat). Gesenkte Preise um bis zu 75% sind da keine Seltenheit. Ich habe noch nie so billig Klamotten gekauft, die bei uns als exklusiv durchgehen würden. Ich möchte an dieser Stelle nur auf meine Cheap Monday Klamotten Hinweisen. Von dem Label was die Karottenhosen wieder salonfähig machte, besitze ich nun zwei Hosen (keine Karotte!), eine Jacke und zwei Unterhosen. Gesamtkosten weniger als 50 Euro.

Vielleicht gibt es auch aus diesem Grund in Schweden ja weder Dreck auf den Straßen noch dreckigen Menschen, Penner oder sonstige Freaks. Wenn die tollen Styler-Klamotten schon so billig sind, kann sie sich eh jeder leisten. Das schlimmste was einem Schweden dann passieren kann, ist das Outfit vom letzten Jahr anzuhaben. Da kann ich nur hoffen, dass sich die Schweden in Berlin hoffnungslos overdressed vorkommen.


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Ein Fehler im System

22. September 2009

Linköping – 2009: Resümee Teil II

Bevor ich ich mich nach Schweden aufmachte dachte ich, die Schweden sind ein freundliches, wenn auch kühles, tolerantes Volk, dass auf seine Umwelt acht gibt, ein funktionierendes Sozial- und Gesundheitssystem besitze und sich besonders um seine Kinder und deren Bildung kümmert. Kurzum, Schweden schien das Paradies auf Erden. Aufgeschnappt hatte ich diese Vorurteile an verschiedenen Stellen. Ob Schweden bereisende Bekannte oder Schwedenartikel schreibende Journalisten; jeder wollte mir erzähle, dass es erstrebenswert wäre sich mal einen Scheibe abzuschneiden von dem skandinavischen Wohlfahrtsstaat. Sicher stimmen einige der Vorurteile (die Schere zwischen Arm und Reich ist tatsächlich nicht so groß und die innere Überzeugung das Gleichheit ein erstrebenswerter zustand ist scheint bei den Schweden wirklich verankert zu sein). Aber einige muss ich an dieser Stelle widerlegen.

ff

Schönheit in Haus-Form - Die vårdcentral in Ryd

Fangen wir an mit dem Gesundheitssystem. Zuerst das positive: Es gibt nur keine gesetzliche Krankenkassen. Das Gesundheitssystem wird in Schweden durch die Steuern finanziert und die Leistungen sind für alle, ob Schwede oder in Schweden wohnender Ausländer die Gleichen. Der große Nachteil: Diese Leistungen sind eher dürftig und die Wege zu einem echten Arzt sind sehr lang. Es gibt nämlich im ganzen Land keine Facharztpraxen. Man muss sich zuerst mit einem Telefoncomputer der staatlichen Nachbarschafts-Polikliniken, genannt vårdcentral herumschlagen, um einen Termin mit einer nicht sonderlich kompetenten Krankenschwester zu bekommen. Diese sagt einem dann, wann der Arzt den man benötigt in der entsprechenden vårdcentral vorbei kommt. Für mich hieß das, nach zweiwöchigen Versuchen wegen meiner Schuppenflechte einen Termin beim Hautarzt zu bekommen aufgeben und den Arztbesuch beim nächsten Heimaturlaub zu erledigen.

Ähnlich lange Wartezeiten soll es auch geben wenn man sich einer nicht lebensnotwendigen Operation unterziehen muss. Mein Korridorkollege Julian hatte das Vergnügen wegen eines Exems am Fuß im Januar auf Juli vertröstet worden zu sein. Auch er zog es vor sich im Heimaturlaub in Spanien operieren zu lassen. Neben den Wartezeiten sind auch die Praxisgebühren ein Problem. Denn ähnlich wie bei uns muss man in Schweden pro Behandlung in einer vårdcentral 100 schwedische Kronen (SEK – Kurs zu Euro zirka 1 zu 10) bezahlen, eine Behandlung im Krankenhaus kostet 350 SEK und ein Tag Krankenhausaufenthalt 80 SEK. Allerdings existiert eine Kostendeckelung. Ab 900 SEK ist jegliche Behandlung kostenfrei. Der Selbstanteil an Medikamente muss natürlich weiter gezahlt werden. Ausgenommen aus diesen Leistungen ist der Zahnarzt. Diesen muss der Patient ab seinem 20. Lebensjahr komplett selbst zahlen. Lediglich die Routineuntersuchung wird vom Staat übernommen. Für den Rest kann man sich privat versichern, muss es aber nicht. Apropos privat Zusatzversicherung: Die gibt es auch innerhalb des normalen Gesundheitssystem. Und lange auf einen Arzt warten müssen diese, besonderen Patienten bestimmt nicht.

Europa liegt also in Japan

Geographie sechs - setzt euch!

Ein weiteren Fehler im System meine ich bei der Ausbildung gefunden zu haben. Zwar ist die Schule in Schweden mit einer 9jährigen Einheitsschule und einem praxisbezogen Kurssystem relativ fortschrittlich. Auf die Kompetenz der späteren Lohnabnehmer scheint sich dies nicht positiv auszuwirken. Denn die Art schwedischer Arbeitnehmer mit denen ich in Kontakt gekommen bin war fast ausnahmslos, na ja sagen wir mal wenig kompetent. Die Bediensteten der Kammerjägerfirma z. B. und die Tankstellenangestellte, die keine Ahnung hatte welches der vier Ölsorten im Sortiment für einen VW Bus gebräuchlich ist, sind nur zwei Beispiele. Ständig hab ich es erlebt, dass Angestellte zu ihrem Job gehörende Dinge nicht wussten. Dann wurde zum Telefonhörer gegriffen und eine anscheinend kompetentere Person angerufen. Als Ursache vermute ich eine nicht besonders intensive Beziehung der Schweden zu ihrem Job. Mir kam es meist so vor als würden die meisten Arbeiter und Angestellten nur ihre Stunden absitzen um nach etlichen fika (Kaffepausen) und einer ausgiebigen Mittagspause endlich in den Feierabend gehen zu können.

Sicherlich ist in Deutschland nicht alles besser. Hierzulande werden die Arbeitnehmer halt einem riesigen Druck ausgesetzt, damit sie nicht ihre Zeit vertrödeln. Aus Sicht der Arbeitgeber sollte man hier ja sogar noch nach dem Feierabend, zumindest gedanklich im Betrieb/Büro verweilen. Bei schwedisch-unkompetentem Verhalten und ständigem Anrufen des Vorgesetzten droht in Deutschland der Rauswurf. Menschlich gesehen ist die schwedische Version da schon um einiges besser. Aber wäre es nicht eigentlich wünschenswert, dass die Menschen ihre Arbeit so sehr mögen, dass sie auch ohne Druck ihr bestes Geben. Also mich würde eine Arbeit bei der ich mich den ganzen Tag eigentlich nur auf den Feierabend freue fertig machen. Aber vielleicht ist das ja nur meinen Meinung.

Linköping 09: Woche 17 bis 22 (28.04.- Mitte Juni) – Resümee I

Irgendwie ist es doch wahr! Das Leben bewegt sich in Kreisen. Und da ein Kreis ja bekanntlich rund ist, steht man am Ende wieder dort, wo man angefangen hat: Vor gepackten Koffern in einem aufgeräumten Zimmer auf die menschenleeren Straßen der Studentensiedlung Ryd blickend. Die Gewissheit im Hinterkopf, dass sie jetzt vorbei sind, die zehn Monate in einem fremden Land, zwischen Heimweh und Internationalismus, zwischen Kulturschock und euphorischem Entdeckergeist. Zeit ein Resümee zu ziehen.

Jan Herzmann, August Strindberg und Phillip Wilke aus dem Land der Dichter und Denker. Ähh... oder so ähnlich.

Jan, August und ich aus dem Land der Dichter und Denker…  oder so ähnlich.

Bevor ich mich nach Schweden aufmachte hatte ich einen, nein viele große Pläne: Musizieren, Hausarbeiten schreiben, Sprachen lernen, Kulturen verstehen und einiges mehr stand auf der Agenda. Doch wie so häufig, schafft man das meiste nicht oder nur teilweise. Die Effektivität der Einsamkeit verliert sich doch allzu schnell in den Gewohnheiten des Alltags. Dass ich meinen Auslandsaufenthalt trotzdem als Erfolg werte, ist dem nun erweiterten Horizont geschuldet. Denn nicht nur mein Wissen und mein Verständnis gegenüber fremden Kulturen sondern auch mein Blick auf Deutschland hat sich verändert. Vieles was hierzulande passiert, sehe ich nun nicht mehr so kritisch. Denn ich weiß jetzt, dass es in anderen Ländern noch schlimmer läuft. Auf der anderen Seite kann ich einige, für die deutsche Gesellschaft selbstverständliche Abläufe nun auf kauziges Verhalten zurückführen.

Erklären möchte ich diesen Sinneswandel anhand einer Situation, die sich erst vor kurzem in Stockholm ereignet hat. Genauer gesagt um 1h nachts auf dem Weg vom Stockholmer Hauptbahnhof zu meiner Unterkunft. Als Transportmittel hatte ich einen öffentlichen Bus ausgewählt. Als Zahlungsmittel Bargeld oder Kreditkarte. Doch als ich dem Busfahrer beim einsteigen das Geld für eine Fahrkarte in die Hand drücken wollte, schüttelte dieser nur mit dem Kopf. Er erklärte mir, dass man Fahrkarten nur bei einem der vielen Tabakwarenläden oder per sms mit dem Handy erwerben könne. Nun, leider machen die Tabakläden, selbst die direkt am Hauptbahnhof der Hauptstadt, spätestens um 23h zu und auf meiner schwedischen pre-paid Karte war kein Guthaben mehr. Die Lösung des Problems war dann aber doch einfacher als gedacht. Der Busfahrer merkte freundlich an, dass er mich in diesem Fall gar nicht gesehen hat und ließ mich passieren.

Dieser Vorfall offenbart zwei Unterschiede zwischen Schweden und Deutschen. Einerseits zeigt sich dadurch, wie schusselig und unlogisch die Schweden doch manchmal in ihren Planungen sind. Auf der anderen Seite offenbart sich in der unkomplizierten Lösung des Problems eine gewisse Kompromissfähigkeit. Die Schweden haben also gelernt mit ihrer Schusseligkeit umzugehen. Hätte sich diese Situation in einem deutschen Bus ereignet, hätte man schon einen sehr netten Busfahrer erwischen müssen, um doch noch an sein Ziel zu kommen. Der deutsche Busfahrer wäre immer davon ausgegangen, dass man ihm nur irgendetwas erzählt um die zwei Euro für die Fahrkarte zu sparen. Und damit liegt er meist auch richtig: Nie wäre ein deutsches Verkehrsunternehmen so blöd eine Situation in der man keine Fahrkarte kaufen kann entstehen zu lassen.

Die Schweden kümmern sich um ihre Jugend. Skate Pools wurden in den 90ern en mass gebaut. Heute schinen sie nicht mehr so bleibt zu sein...

Die Schweden kümmern sich um ihre Jugend. Skate Pools wurden in den 90ern en mass gebaut. Heute scheinen sie nicht mehr so bleibt zu sein…

Zusammenfassend muss man aber anmerken, dass beide Systeme funktionieren: Auf ihre eigene Art und Weise. Schlechter oder schlimmer ist weder die deutsche Borniertheit noch die schwedische Fehlplanung. Trotzdem gibt es einige Dinge wegen denen ich froh darüber bin (nicht zu verwechseln mit Stolz), dass ich in Deutschland geboren bin. Ich möchte hier allein auf die Umstände der Seifenblasenattake hinweisen. Mir ist ein Land in dem die Polizei eher ein gespanntes Verhältnis zu privaten Sicherheitsdiensten pflegt dann doch um einiges lieber als eine Nation in der allein das Widersprechen eines Ordnungshüters als Affront gewertet wird. Natürlich werden auch positive Eindrücke von der schwedischen Kultur bleiben. Zum Beispiel die Abkopplung der Bildungsfinanzierung von dem Vermögen der Familien und die gesellschaftliche Einbindung von Kinderbedürfnissen. Insgesamt ist mein Bild aber eher getrübt.

Getrübt ist allerdings nicht meine Euphorie, mit der ich damals abgereist bin. Auch nach zehn Monaten im Ausland bin ich immer noch fasziniert von der Unterschiedlichkeit verschiedener Kulturen. Eigentlich hat mich die Zeit hier eher noch heißer gemacht. Ich muss noch so viele andere Regionen, Länder und Kontinente besichtigen und noch so viel über die Gedankenwelt von Menschen mit den verschiedensten Prägungen lernen! Da passt es mir natürlich, dass ich hier so viele verschiedenen Menschen kennen gelernt habe und nun meine Kontaktfinger in die ganze Welt ausstrecken kann. Doch am wichtigsten für die Erfüllung dieser Wissbegierde ist die gelungene Einhaltung wenigstens eines meiner anfangs gesetzten Ziele: Mich auf Englisch ohne Probleme verständigen zu können. Den ohne Englisch geht international gar nichts. Ohne Englisch ist man national. Und wer will das schon.

Linköping – 2009: Woche 13 bis 16 (10.04.- 27.04.)

Im manchen Momenten, wenn unruhig wird sollte man sich auch mal auf das wesentliche konzentrieren. Zurück zu den Wurzel allen Übels gehen, sich einen Reibach aus dem Erlebten machen und mit der gerade gelassenen Fünfen Richtung Heimathafen segeln. Natürlich nicht ohne zuvor ein wenig Heimatkunde betrieben zu haben. Und da ich ja nun derzeit in Schweden verweile, hei0t meine  momentane Heimat Schweden. Und die angestrebte Rückbesinnung lässt sich ohne große Worte durch eine einfache Frage widerspiegeln: Was ist eigentlich Schweden? Die Antwort „ein nordeuropäisches Land“ möchte ich an dieser Stelle nicht gelten lassen.

Die alte Flagge und das Meer

Die alte Flagge und das Meer

Den eigentlich ist Schweden irgendwie ja doch etwas anderes. Mit seinen neun Millionen Einwohnern verteilt auf 450.000 km2 ist Schweden viel mehr Einöde als alles andere. Zumindest bei Betrachtung der nördlichen 60 Prozent des Landes, belaufen sich die Chancen einem Rentier oder einem Menschen zufällig zu begegnen etwa auf die gleiche Prozentzahl. Und wenn man sich zu weit gen Norden verirrt kommt es sogar vor, dass einen die Menschen mit einem freundlichen „bures“ begrüßen und ein „bures bures“ zurück erwarten. In machen nord-westlichen Teilen Schwedens stellen die gut 20.000 schwedischen Sami (das in Deutschland gerne verwendete Wort Lappen wird equivalent zum Neger-Begriff von den Nordmännern als Schimpfwort betrachtet) nämlich die Mehrheit der Bevölkerung. Als Schweden sehen die sich übrigens nicht unbedingt. Und mit dem Weihnachtsmann, der ja bekanntlich in Lappland wohnt und ganz sicher ein Lappe, ähh Same ist haben sie auch einen mächtigen Fürsprecher.

Das schwedische Leben findet im Norden hauptsächlich an der Küste statt. Dort liegen nämlich die einzigen erwähnenswerten Städte der riesigen nordschwedischen Provinz Norrland. Für Studenten ist wohl die 75.000 Einwohner Metropole Umeå am interessantesten. Mit dem Gründungsjahr 1965 ist die Universität Umeås immerhin die fünft älteste und mit 15.600 Studenten auch die fünft größte Uni Schwedens. Mit 32.000 Einwohnern ist Skellefteå die kleinste der Nordstädte. Eigentlich weiß ich auch nicht mehr über die Stadt außer dass das ansässige Eishockeyteam AIK Linköping, natürlich völlig unverdient (!) aus den Play-Offs geworfen hat. Die nördlichste aller Nordstädte ist Luleå. Das spektakulärste was die 45.000 Einwohner neben den Eishockeyspielen des Luleå HF gegen AIK beobachten können soll wohl der Nordstern sein. Im Nahe gelegen Dörfchen Jukkasjärvi befindet sich außerdem ein touristisch interessantes Hotel aus Eis. So weit zum Norden.

Denn der Süden ist ja sowieso viel interessanter. Und dort läuft die Gretchenfrage meist auf ein einfaches Eliminationsverfahren hinaus: Göteborg oder Stockholm? Nordsee oder Ostsee? Achterbahn oder Streichelzoo? Beatles oder Stones? Barfuss oder Lackschuh? Die beiden Städte sind nämlich nicht nur die größten des Landes sondern repräsentieren auch noch zwei völlig verschiedene Auslegung der schwedischen Kultur. Während Göteborg, der Hafenstadt im Westen der beißende Geruch von kaltem Arbeiterschweiß anhängt kann man sich in Stockholm, der schickimicki Metropole des Ostens gar nicht satt sehen an den edlen Kronjuwelen, die allen Bewohnern um ihre Hälse zu hängen scheinen.

Die Einkaufsstraße Haga: Vor allem auf die Werbetafel des Friseurs in der rechten oberen Ecke sollte man acht geben.

Die Einkaufsstraße Haga: Vor allem auf die Werbetafel des Friseurs in der rechten oberen Ecke sollte man acht geben.

Diese gefühlten Fakten lassen sich hier sogar mit eigenäugig verifizierbaren Tatsachen unterlegen. Neben den deutlich höheren ÖPNV-Preisen muss man im reichen Stockholm, das sich zum Teil auf durch Pfähle gestützte Inseln befindet, die wichtigen Kulturgüter nicht lange suchen. Auf der Altstadtinsel Gamla Stan bekommt man Schloss und altertümliche Kirchengebäude auf dem Silberteller kredenzt. In Göteborg sind die Sehenswürdigkeiten versteckter. Doch wenn man sich auf die Stadt, die von den Schweden wegen ihrer Funktion als Ausfuhrhafen nach Amerika gerne das Tor zum Westen genannt wird einlässt, kann man viele Schätze entdecken. Zum Beispiel das putzige, sich auf einem kleinen Militärschiff befindende Maritim Museum und die niedliche Einkaufstraße Haga aus dem 19. Jahrhundert. Der größte Schatz liegt allerdings einige Kilometer südlich Göteborgs. Denn auf der vor den Toren der Stadt gelegenen Inselkette Södra Skärgård kann man quasi eingefrorene Geschichte begutachten. Bei einem Streifzug über die Inseln fühlt man sich wie in einer Astrid Lindgren Geschichte vom Anfang des letzten Jahrhunderts.

Die eigentliche Heimat Lindgrens befindet ich aber noch weiter im Süden. In Småland. Fast alle Geschichten der 1907 in Vimmerby geborenen Kinderbuchautorin spielen in diesem typisch schwedischen Landstrich mit vielen Nadelwälden und kleinen Seen. Mit Kalmar befindet sich hier auch eine historisch Stätte in Småland. Bis Anfang des 16. Jahrhundert, waren Schweden, Norwegen, Island und Dänemark nämlich mal ein gemeinsames Reich gewesen. Regiert wurde dieses von der Ostseestadt. Der Name der Vereinigung war dementsprechend Kalmarer Union. So kann man neben der berühmten 6 km langen Brücke zur Insel Öland und dem im ganzen Land beliebten Werder Bremen Schwedens, dem Kalmar FF auch noch das Schloss aus dem 13. Jahrhundert begutachten. 

Viel weiter südlich kann man dann auch schon gar nicht mehr gehen ohne in Dänemark zu landen. Ja, ein Blick in die Geschichte offenbart sogar, dass die südlichsten Provinzen Schwedens lange Zeit zum dänischen Königreich gehörte und erst kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg von Karl Gustav X. erobert wurde. Die Nähe zur dänischen Kultur soll man in Skåne (zu deutsch: Schonen) auch sonst merken. Immer mehr Dänen kaufen sich Ferienhäusern in der Region. Der Bau der  Öresundbrücke und die Ausrufung der Region Malmö/Kopenhagen zur ersten und einzigen transnationalen Metropolregion der EU wirkt dieser Entwicklung nicht gerade entgegen. Ob dies allerdings der einzige Grund ist warum die Skåner innerhalb Schwedens eher müde belächelt werden entzieht sich meiner Kenntnis. Ich kann hier nur auf dem schwedischen Trinksong „Mera brännvin i glasen“ hinweisen. Dort heißt es nämlich mit doppeldeutigem Augenzwinkern auf einen gleichnamigen Schnaps bezogen: „Mera Skåne, gudbevars!“. Das sagt ja wohl alles.

Die Seifenblasenattake

13. April 2009

Linköping-2009: Woche vier bis zwölf (12.02.- 09.04.)

Es tut mir Leid. Ich muss jetzt ein gängiges Weltbild zerstören. Lange habe auch ich versucht an dem guten Gedanken festzuhalten, aber am vergangenen Wochenende musste ich machtlos zusehen wie er sich Blitzschnell in die Überzeugung des Gegenteils umwandelte. Ich weiß, man will es eigentlich nicht hören. Aber ich werde es jetzt klar und deutlich aussprechen: Schweden ist kein Paradies. Nein, noch nicht mal ein bisschen. Und seit letztem Wochenende ist mir auch bewusst, dass ich mir ein Leben dort in Zukunft auf keinen Fall vorstellen kann. Aber beginnen wir ganz vorne.

Ganz schön gefährlich - Seifenblasen in Aktion

Ganz schön gefährlich! - Seifenblasen in Aktion

Es ist Samstag. Der Tag an dem man laut Ausgehzwang an einer der wochenendlichen Abendveranstaltungen teilnehmen muss. Dieser Samstag ist aber ein Besonderer. Denn die Auswahl der angepeilte Belustigung findet heute nicht unter dem Motto Verzweiflung statt, sondern ist seit Wochen im Voraus geplant und wohlweislich überlegt. In dem eher attraktionsarmen Partyleben Linköpings sollte die Studentenparty mit dem Namen „90s Flashback“ einen Höhepunkt darstellen. Das dieser Höhepunkt ein negativer seien sollte hatte da noch keiner geahnt. Also wurde sich schick gemacht, mit Grillfleisch vom ersten BBQ des Jahres, Alkohol aus diversen duty-free Erwerbungen, durchgedrehten Neonkleidern und etwas Spielzeug. Hierbei offenbart die Aufzählung der Spielzeuge eine ungeahnte Brisanz. Im Sortiment befanden sich nämlich neben den üblichen Knicklichtern und einem Jojo auch zwei Fläschchen gemeingefährlichen Luftblasenwassers inklusive dazugehöriger Blasvorrichtung. Leicht angetrunken und fröhlich ging es somit zum Nationalhus (NH). 

Die nächste Aufgabe bestand darin sich und die hinterhältige Seifenwasserwaffe an den Türstehern vorbei zu schmuggeln. Was auch ganz passabel klappte. Es gelang uns sogar noch Guillaume und seine Freundin ohne die, eine Woche zuvor erworbenen Eintrittskarten in den Club zu lotsen. Eine kriminelle Ader hätte man uns dabei schon unterstellen können. Aber als wir uns in den Partyraum begaben und ein kleines Podest betraten um unseren 90er Jahre Flashback zu zelebrieren war allerdings kein krimineller Hintergedanke im Spiel. Die Security bat uns trotzdem herunter. Ohne Grund – warum auch immer. Egal. Wir verließen die Bühne des Vertrauens.

Allerdings konnte ich das nicht über mich ergehen lassen ohne dem Secutity-Mann zu zeigen wie schwachsinnig ich seine Regeln finde. Und da kam dann endlich die Tatwaffe ins Spiel. Ich zückte also meine Luftblasenkanone und schleuderte ein Geschoss in die Richtung des Raumwächters. Einmal erließ er es über sich ergehen. Doch als ich beim Verlassen des Raums ein zweites Mal eine Luftblasenarmada in seine Richtung schickte tickte er aus. Er rannte zu mir, fasste mich mit starker Hand an uns wollte mich ohne zu zögern rauswerfen.

Securitas - Die Hüter der exekutiven Gewalt in Schweden

Securitas - Die Hüter der exekutiven Gewalt in Schweden

In völliger Verkennung der Lage machte ich mich aus seinem Griff los und fragte „why?“. Da war aber schon alles zu spät. Sofort war ich von drei Securitys umringt von denen mir einer den Arm auf dem Rücken verdrehte. Das nächste an das ich mich erinnere ist, dass sie mich auf den Boden warfen und ein riesiger Tumult entstand. Meine Partymitstreiter haben mir später erzählt, dass sich zu diesem Zeitpunkt schon sieben schwarz gekleidete Männer um mich herum befanden. Drei waren damit beschäftigt, mir meinen Arm auf dem Rücken weiter zu verdrehen. Mein einzige Reaktion waren laute Schmerzensschreie. Das war den Securities zu viel. Mir wurden Handschellen angelegt. 

Abgeführt ging es aus dem Club in Richtung Polizeibus. Mein erste Reaktion war Freude. Endlich raus aus den Fängen der privaten Securityfirma, auf zu Vater Staat. Ich dachte die Polizei würde nun beide Seiten vernehmen und die Security wegen ihres rauen Verhaltens zurechtweisen. Aber falsch gedacht. Die Polizisten wechselten ein paar Worte mit den Sicherheitsschergen, dann war der Fall gegessen. Entscheidung: Ich muss in die Ausnüchterungszelle. Nein, mit mir zu reden fällt ihnen nicht ein und die Handschellen konnte ich ja auch gleich anbehalten.

Die gefallene Entscheidung dämmert mir nur langsam als ich aufgefordert wurde meine Wertsachen in der Hauptstation der Polizeifestung abzugeben. Auf meine Frage ob ich vielleicht in einen Alkoholgehaltmesser blasen könnte, nur um ihre Entscheidung zu verifizieren, meinte der Hauptpolizist: „No, I can see that you’re drunk“. Na, er muss es ja wissen. Ich hatte übrigens seit dem BBQ lediglich drei Bier und vier Longdrinks getrunken. Über mehrere Stunden. Angetrunken ja – betrunken nein.

So saß ich also vier Stunden hinter kalten schwedischen Gardinen. An schlafen war nicht zu denken. Viel zu aufgewühlt war ich über die Ungerechtigkeit meiner Situation und über die gefährliche Verwebungen zwischen Polizei und Secutity. Ich würde den Schweden mal raten, sich ein bisschen mehr Sorgen über die Lage ihrer Nation zu machen. Während des ganzen Vorfalls standen die schwedischen Studenten nämlich tatenlos daneben und guckten weg. Motto: „wird schon OK sein“. Die einzigen die sich einmischten waren Leute aus unserer Truppe. Das Ergebnis: Mar wurde aus dem Club geworfen, Sigi musste Ewigkeiten diskutieren um ihre und meine Jacke zu bekommen und Julian wurde gleich hinterher in die Zelle gesteckt.

So viel zum Sozialparadies Schweden. Jetzt freue ich mich jedenfalls schon auf die Rückkehr nach Deutschland.

Vom Zurück kommen

11. Februar 2009

Linköping – 2009: Woche eins bis vier (14.01.- 11.02.)

Wunderschöne Weihnachtsbeleuchtung sollte man würdigen.

Wunderschöne Weihnachtsbeleuchtung sollte man würdigen.

Zurück kommen ist etwas seltsames. Auf der einen Seite freut man sich all die Menschen wieder zu sehen, die man einige Zeit nicht gesehen hat und die Wege wieder zu betreten, die einen die letzten Monate geprägt habe. Auf der anderen Seite ist da auch die Gewissheit, dass nichts mehr so sein wird wie es einmal war. Zurück kommen heißt nämlich auch, dass man weggegangen ist. Was wiederum bedeutet, dass man etwas hinter sich gelassen hat. Das da hinten nennt man Vergangenheit. Sie ist weit weg von der Gegenwart. Und speziell die Vergangenheit vor und die Gegenwart nach den Winterferien sind in Erasmus-Studenten-Zeit Lichtjahre voneinander entfernt.

Da die meisten Austauschstudenten lediglich für ein Semester im beschaulichen Linköping verweilen, heißt es nach der kurzen Kennenlernphase bereits wieder Abschied nehmen. Der Semesterwechsel spült dann zwar eine neue Schar von frischen Erasmaten an das silbergrau-schimmernde Firmament der Universität Linköping, aber irgendwie will man sich nicht mit ihnen verbunden fühlen. Sie sind eben doch anders. Sie sind 2009er. Die müssen sich ihre Hörner noch abstoßen. Als 2008er fühlt man sich da schon wie ein Alt-Eingesessener.

So geht man also auf die Suche nach Gleichgesinnten. Leise streunert man über den Campus, das Fußballfeld oder durch den Studentenstadtteil Ryd in der Hoffnung ein paar alte Gesichter wieder zu sehen. Schnell werden Nummer ausgetauscht und manchmal bestimmt auch anonyme Treffen zur Verarbeitung der prekären Situation vereinbart. So schlimm ist es bei mir zum Glück dann doch nicht. Es gibt da ein Fünkchen Hoffnung. Die Hoffnung heißt Ryds Allé 19 und ist eigentlich doch eher eine Flamme, sogar eine sehr große.

Julian und Guillaume freuen sich über das Gespühr für Sauberkeit uneres knuddeligen Ex-Mitbewohner, der...

Julian und Guillaume freuen sich, dass Nasir endlich ausgezogen ist...

Denn mein alter Korridor, den ich nach meiner Bettwanzenplage verlassen musste, ist fast komplett erhalten geblieben. Lediglich Isabella, die Chinesin hat die Gemeinschaft verlassen. Dafür ist die Spanierin Mar eingezogen. Den alten Raum unseres Lieblingseckels Nasir, dessen Chaos das Studentenwerk Studentborstäder in den Weihnachtferien beseitigte, hat der Gitarrenvirtuos und Profi-Kabelverleger David aus Frankreich bezogen. Ja und nachdem das wankelmütige Studentenwerk dann doch entschieden hat, dass es in Ordnung wäre, wenn ich in meinen alten Raum zurück ziehe, komplettiere ich das Star-Ensemble aus Ryd-Süd. 

Bereits kurz nach dem Umzug habe ich gemerkt was für ein Unterschied es macht, wenn man in einer funktionierenden Gemeinschaft lebt, anstatt in einem sterilen Krankenhaus. Zusammen kochen macht eben doch mehr Spaß als alleine und zu wissen, dass die Gewürze in der Küche Allgemeingut sind ist irgendwie auch schöner als Angst zu haben einen Mitbewohner zu erzürnen wenn man sein Öl benutzt. Abgesehen davon hat eine Acht-Köpfe-WG noch ganz andere Vorteile. Technische Geräte werden bei Preisteilung nämlich durchaus auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich. Tja und da wir ja der famost Korridor in Ryd bleiben wollen haben wir jetzt eine Fritteuse, einen Sandwich-Macker, eine Hi-Fi-Anlage und einen Wireless-LAN-Router für Internet im Wohnzimmer.

Zurückkommen kann also auch Gutes bringen. Und all die Gesichter von letztem Semester wird man bald wieder vergessen haben. Nur die wirklich markanten werden bleiben. Aus diesen werden dann vielleicht Freundschaften entstehen und der Rest ist auch egal…


Linköping – Woche dreizehn bis 16 (11.11.- 01.12.)

Ein bisschen Kultur gab es in der nachgebauten Altstadt Linköpings...

Ein bisschen Kultur gab es in der nachgebauten Altstadt Linköpings...

Mittelmaß ist nicht gerade ein erbauliches Wort um eine Stadt zu charakterisieren. Beim, hier praktizierten Versuch Linköpings Habitus zu umreißen ist es allerdings unverzichtbar. Schließlich bewegt sich die, in der Mitte Südschwedens gelegene Stadt nah am gefährlichen Schmelztiegel zwischen Metropole und Provinz. Zu klein für die Welt und zu groß für die Einöde. Mit knapp 100.000 Einwohnern ist die Hauptstadt Östergötlands – der Kornkammer Schweden – immerhin die siebtgrößte Stadt des Landes und hat mit 22.000 Studenten die sechstgrößte Universität Schwedens. Trotzdem findet Linköping keinen Platz in den sonst so großen Herzen der Schweden. Wieso nur, fragt sich da eine wissbegierige Meute Sozialwissenschaftler. Ganz einfach. Linköping ist krank. Es hat das Hannover-Syndrom.

Auf den ersten Blick ist Linköping eher hässlich. Die Gegend um den Bahnhof vermittelt nicht gerade den schönsten Eindruck. Die großen Fabrikgebäude mit dampfenden Schornsteinen im Rücken und der sterilen Busbahnhof zur Rechten scheinen einen quasi in die Innenstadt hineindrängen zu wollen. Diese erstreckt sich vom Bahnhof über den kleinen Marktplatz (lilla torget) bis zum großen Marktplatz (stora torget). Ein bisschen Kopfsteinpflaster, kastenförmige Neubauten und die gewöhnliche City-Einkaufsmeile lassen sich hier bestaunen. Die alte Innenstadt ist 1700 einem Feuer zum Opfer gefallen. Da die später gebauten Häuser Anfang des 20. Jahrhunderts ins, westlich des Stadtkerns gelegene Freilichtmuseum Gamla Linköping transportiert wurden, sucht man alte schwedische Kultur im Stadtzentrum leider vergeblich. Flair ist etwas anderes.

Doch desto weiter man sich nach Westen kämpft, desto mehr schöne Ecken des verborgenen Schicks der Stadt kann man entdecken. Ein Spaziergang vorbei an der interessant-verqueren Glas-Neubau-Bibliothek, der gotisch-barocken Mischkirche und dem unpompösen Schloss mit niedlichem Schlossgarten, führt einen nach Gottfridsberg. Dem Stadtteil, in dem die Studenten wohnen, die sich nicht in einer der Studentensiedlungen in Ryd, Colonia oder Lambohov einpferchen lassen wollen. Vereinzelte Gassen mit alten Gebäuden geben schon mal einen Vorgeschmack auf das, was man ein bisschen weiter südlich, im Stadtteil Valla zu sehen bekommt. 

Das Freilichtmuseum Gamla Linköping ist einer der schönsten Orte der Stadt. Es wurde vom Kommunalpolitiker Lennart Sjöberg in den 40ern ins Leben gerufen, um die Lindköpinger Altstadt von 1900, trotz der Industrialisierung am Leben zu erhalten. Hier stehen noch Häuser aus dem 17. Jahrhundert und hier spürt man noch Kultur. Beim schlendern zwischen den Holzhäusern und den kleinen Gärten kann man sich vorstellen, wie das Leben auf dem Marktplatz vor hundert Jahren ausgesehen haben könnte. Wenn das Schlendern zufällig auf einen Sonntag fällt kann man vier der Häuser sogar betreten. Damit ist Gamla Linköping ein einzigartiges Erlebnis.

Beim genaueren hinsehen erstrahlt auch die geschichtliche Bedeutung Linköpings in einem ganz anderen Licht. Für die Entwicklung des schwedischen Christentums war die Stadt nämlich ein zweifacher Meilenstein. Erst wurde hier einer der ersten Bischofssitze Schwedens mit einem der ersten Klöster des Landes errichtet, später fand hier ein Sinnbild der Christenverfolgung statt. Schließlich inszenierte hier der evangelische Sohn des großen Reformations-Königs Gustav Vasa, Karl IX. im „Blutbad von Linköping“ die Ermordung von fünf hohen Adeligen, Anhänger seines katholischen Neffens Sigismund III. Damit manifestierte er die evangelische Prägung Schwedens. Um so erstaunlicher ist es, dass die Stadt im Gedächtnis der Schweden eine untergeordnete Rolle spielt. Das „graue Maus“-Image scheint sich einfach festgesetzt zu haben.

Ganz ähnlich ist es mit Hannover, der elftgrößten Stadt Deutschlands. Trotz Expo, Herrenhäuser Gärten, Erstliga-Fußballteam, schöner Szenestadtteile wie der Nordstadt und Linden und einer Vergangenheit, die ohne Umschweife mit den Worten „Königreich“ und „König von England“ in Verbindung gebracht werden darf, rangiert der Leinestadt auf der Beliebtheitsskala der Deutschen irgendwo zwischen Bielefeld und Erlangen. Warum, fragen die Sozialwissenschaftler fortlaufend in einem energischer werdenden Ton. Doch die Antwort wird ihnen wohl keiner so schnell geben können. Vorurteile sind eben Vorurteile. Aber vielleicht ist Hannover ganz einfach krank. Vielleicht hat es ja das Linköping-Syndrom.

Der LHC gegen MODO Hockey

Der Vizemeister LHC gegen MODO Hockey

PS. Meine erste These war ja, dass das Fehlen eines Superlativs, einer Spitzenposition der Städte an dem Dilemma schuld ist. Beim Blick auf die Erstliga-Eishockeytabellen Schwedens und Deutschlands musste ich diese These allerdings verwerfen. Schließlich heißen die Tabellenführer mit je 49 Punkten Linköping HC und Hannover Scorpions (Stand 3.12.08).

Linköping – Woche elf bis dreizehn (21.10.- 10.11.)

Schwedischen Studenten geht es gut! Sie werden wonnig, warm und in Watte gepackt durch ihr Studium geleitet. Nachdem die frisch abiturierten das obligatorische lernfreie Jahr zwischen Schule und Studium mit feiern oder reisen hinter sich gebracht haben, bekommen sie ein Zimmer zugeordnet, 3500 Kronen (ca. 350 Euro) monatlich in die Hand gedrückt und einen Stundenplan vor die Nase gesetzt. Fast ohne Zutun. Nur lernen müssen die sie dann schon noch selber. Und zwar selbständig.

Diese Mischung aus Konventionalisierung und Eigeninitiative hat in Schweden Tradition. Man fordert von den Bürger, dass sie sich für ihr Land ins Zeug legen und verordnet ihnen zugleich Freizeit. Bildung ist für die Schweden keine Privatangelegenheit, sondern Allgemeingut. Und der Allgemeinheit hilft es erstmal wenig, wenn man sein Bewusstsein durch interdisziplinäre Studien erweitert. Man studiert das, was man im Job benötigen wird – mehr nicht. Will man später noch mal geistig nachlegen, kann man eine der staatlich subventionierten Volksschulen besuchen. Denn das ist in Schweden schließlich Volkssport.

Aber zurück zum Studieren als öffentliche Angelegenheiten. Ein wichtiger Antriebsmotor zum studieren fehlt den den Schweden: Das Geld. Denn die Löhne eines studierten Wissenschaftlers und eines ausgebildeten Fahrkartenkontrolleurs liegt nicht weit auseinander. Schweden hat eine der geringsten Einkommenspannen der Welt. Warum sollte man sich also unglaublich für das Studium ins Zeug legen, wenn nicht der Gesellschaft wegen? Die wird im Übrigen equivallent zum Substantiv Zusammenhalt mit „samhälle“ übersetzt.

Ein Privatgrundstück mit Haus und Wald. Trotzdem darf diese Frau da langgehen!

Wider dem Privateigentum: Lasst diese Frau da langgehen!

Die Vermischung von öffentlichen und privaten Interessen zeigt sich auch in anderen Winkeln des Lebens. So ist in Schweden ist das Eigentum zum Beispiel wenig geschützt. Laut dem so genannten „Jedermannsrecht“ darf man sich auf jedem Privatgrundstücken frei bewegen, solange man nichts kaputt macht oder kein Dreck hinterlässt. Ein Hauseigentümer hat zwar das recht einen Zaun um seinen Garten zu machen, der seine die Privatsphäre wahren soll aber darüber hinaus darf er sich nicht beschweren, wenn auf seinem Maisfeld ein paar Wanderer campen. Zumindest für eine Nacht. Will man sich allerdings eine Sommerhütte auf einem fremden Grundstück errichten, sollte man schon nachfragen.

Wirtschaftlich zeigt sich die Vermischung durch einen ungewöhnlich hohen staatlichen Anteil an der freien Wirtschaft. Dieser basiert auf einer außergewöhnlich hohen Erbsteuer. So wird jeder Betrieb beim vererben größtenteils verstaatlicht. Außerdem tun so genannte Arbeiterfonds ihr Übriges. Diese sammeln gezielt Steuergelder ein, um damit Anteile an Firmen zu erwerben. Dadurch ist der Staat der größte Kapitalist im Land. Beim Wohnungsmarkt hat er seine Finger im Spiel und beim Verkauf von Starkalkoholiker besitzt er sogar das Monopol. Eigentlich gar nicht so schlecht. Alle Macht dem demokratischen Staat klingt doch nach einer Brise Kommunismus.

Doch wieder gibt es auch eine andere Seite der Medaille. Durch die Verstaatlichung der Wirtschaft haben die Schweden keine Berührungsängste beim Einzug der privaten Wirtschaft ins öffentliche Leben. In der Uni gibt es unzählige privat Unternehmen, die sogar wichtige Dienste übernehmen. Kopieren kann man nur mit einem Konto bei der norwegischen Firma PayEx. Dann muss man sich ein Kontocode beim Zeitungshandel Pressbyrån kaufen. Ach und Internet im Studentenwohnheim bekommt man nur, wenn man sich für einen der zwei – von der halbprivaten Hausverwaltung Studentbostader – zur Verfügung gestellten Verträge entscheidet

Tja, manches klingt auf den ersten Blick dann doch besser als es ist. Ich weiß nicht welches System ich bevorzuge. Zumal wir in Deutschland mit der Einführung des Bachelors das Studium ja auch verschult haben. Ich weiß nur das ich wochenlang nicht kopieren konnte. Scheiß PayEx!

Linköping – Woche acht bis zehn (29.9.- 20.10.) 

Stellt euch vor, ihr währt nicht allein in eurem Zimmer. Ihr hättet Mitbewohner. Kleine, schwarze, krabbelnde Freunde. Sie lebten in eurem Bett nur um euch ganz nah zu sein. Tagsüber zeigten sie sich nicht. Nur Nachts kämen sie heraus und gesellten sich zu euch, während ihr schlaft. Dann würden sie sich eine Stelle an eurer Haut suchen, die besonders warm und dünn ist und saugen. Denn schließlich leben sie von Blut. Von eurem Blut. Eklige Vorstellung, nicht war. Es gibt wahrlich wenige Dinge die unangenehmer sind. Ich muss es wissen. Schließlich hab ich es erlebt.

Bettwanze auf Bett

Versuch eine Bettwanze auf meiner Bettdecke zu fotografieren. Besser Bilder gibts auf wikipedia.

Die letzten Tage standen im Zeichen des Kampfes: Wombat gegen Bedbugs. Denn Bedbugs bzw. Bettwanzen heißen diese kleinen Tiere, die mein ach so trautes Heim in der vergangenen Woche heimsuchten. Das heißt, wann genau und wie sie kamen weiß keiner. Am Montag habe ich sie das erste Mal bemerkt. Eingezogen sind sie wohl schon früher. Habe ich ihre Eier von meiner Fahrradtour nach Motala oder von Exkursion am See Sommen mitgebracht? Hat irgendein Besucher ein unerwünschtes Präsent da gelassen? Oder kamen sie von dem Baum vor meinem Fenster? Fragen über Fragen, die auch das vermietende Studentenwerk Studentborstäder nicht beantworten konnten.

Ohnehin hatten die Studentbostäder-Leute nicht viele Informationen für mich parat. Als ich am Dienstag ihre Zentrale aufsuchte um meine kleinen Mitbewohner zu präsentieren, bekam ich von dem, nennen wir es mal Sachbearbeiter Ville Westman nur einen Zettel in die Hand gedrückt. Auf diesem war der Hinweis vermerkt, dass ich nicht bei jemand Anderem übernachten solle. Sonst breite sich die Plage aus und ich sei Haftbar, wenn jemand anders die Plage bekomme. Erklärung was es gegen dieses Tiere zu unternehmen gilt gab es wenig. Immer schön die Klamotten waschen, dann wird alles gut. Zum Schluss versprach mir Ville aber noch, das ein Kammerjäger kommen würde um ein bisschen Gift im Raum zu verteilen. Na, wenigsten etwas.

Der niedliche schwedische Kammerjäger, der am Nachmittag eintraf konnte mir leider auch keine Tipps geben. Er sprach nämlich ungefähr so gut Englisch wie ich Schwedisch. Also fast gar nicht. Das hemmte die Kommunikation doch etwas. Aber stutzig machte mich schon als er, während er aus meine Zimmer kam, nur „många bedbugs, många bedbugs“ rief. Denn många heißt viele. Das hatte ich im Schwedischkurs bereits gelernt. Und in diesem Falle verhießt många nichts Gutes.

Bis die Leute von Studentborstäder registrierten, dass es unmöglich ist in diesem Parasitbrutkasten zu leben, vergingen noch zwei weitere Nächte. In diesen ging ich, anstatt zu schlafen auf Bettwanzen-Jagt. Am Donnerstag mussten Ville und Stephan, der Englisch sprechende Chef der Pest-Company, doch staunen als ich ihnen offenbarte 150 Bettwanzen in nur 48 Stunden getötet zu haben. Respekt! Und dann ging alles ganz schnell: Bett weggeschmissen, Klamotten komplett gewaschen, das Zimmer mit Chemikalien voll gepumpt und versiegelt. Jetzt stellte sich nur noch eine Frage. Wo sollte ich wohnen?

Ganz einfach. In einem anderen Korridor. Diesem Angebot konnte ich nur schweren Herzens und mit dem Ekel im Hinterkopf zustimmen. Schließlich hatte ich ja gerade erst meinen Korridor zum coolsten in der gesamten Studentensiedlung ausgerufen. Tja und jetzt sitze ich hier in meinem neuen Korridor. Hier ist alles anders. Keine Gemeinschaft, kein Korridorleben und sogar die Schuhe lassen hier alle an. Na ja, aber wenigstens kann man hier in Ruhe schlafen.

Ich werde mich jetzt auf jeden Fall um Nasirs alten Raum bemühen. Der ist nämlich ab 1. November frei. Famoust Corridor, ich komm zurück. Hoffentlich!

Linköping – Woche sechs/sieben (15.9.- 28.9.)

Das Erasmus-Studium an sich ist ein großer Wettbewerb. Offiziell geht darum, wer am mulitkulturellsten ist, wer die weiteste Anreise hatte und wer die meisten Sprachen spricht. Inoffiziell geht es darum, wer am längsten feiern kann, wer dabei am besten aussieht und wer am Ende die meisten Frauen im Bett hatte. Doch es gibt noch eine Disziplin, die versteckt im Hintergrund ihr Dasein fristet und den wirklich wichtigen Dingen den Nährboden bietet, auf dem sie gedeihen können: Die Kunst des Partyveranstaltens, die mein Korridor kürzlich mit bravour ausübte.

 

Menschen haben, wenn auch nicht sichtlich Spaß

Menschen haben, wenn auch nicht sichtlich Spaß

Für die Nichtwissenden sei an dieser Stelle ein kleiner Ratgeber eingefügt, was es zu beachten gilt, will man die Menschen in seiner Umgebung mit einem Reibach beglücken, über den noch das ganze Semester gesprochen wird. Frei nach dem Motto: „Man muss nur eine Party machen, dafür aber eine Richtige“. Dazu hier sieben Regeln.

  1. Musik muss organisiert sein! Eine vernünftige Party braucht Musik. Musik zum Unterhalten zuerst, Musik zum Tanzen später. Dazu benötigt man eine Anlage mit Power und einen, der sich um die Musik kümmert. Einen DJ. Denn nichts ist anstrengender als eine Winamp-Playlist, an der sich alle fünf Minuten ein anderer Gast setzt um den gerade laufenden Song in der Mitte abzubrechen, damit er seinem Lieblingslied lauschen kann. Der DJ spürt was gerade angebracht ist und reagieren. Denn das ist sein Job.
  2. Die Räumlichkeiten sollten auf die verschiedene Gemüter zugeschnitten sein! Ab einer Größe von 50 Menschen ist es immer angebracht einen Raum zu organisieren in dem keine Musik läuft. Das erspart lästige Bitten, die Musik doch leiser zu stellen, weil man sich ja unterhalten wolle. Denn auf einer guten Party wird getanzt und das tut keiner wenn die Musik zu leise ist. Außerdem braucht man zum Tanzen Platz. Also eine Tanzfläche schaffen. Auch wenn das am Anfang der Party komisch aussieht. Am Ende zahlt es sich aus.
  3. Alkohol sollte da, aber auch rar sein! Klar. Niemand tanzt ohne Alkohol. Schlimm, aber Tatsache. Deswegen sollte man ein bisschen was zuhause haben. Allerdings nicht zu viel. Nur die Notration. Aber außergewöhnlich muss er sein. Und damit sollte man sparsam mit ihm umgehen. Nur ab und zu ein paar Brocken in die Menge werfen. Die Fische anködern. Denn wenn man schon anfängt mit Freibier für alle, dann ist das irgendwann alle und dann gehen alle nach Hause oder zu einer anderen Party. Ergo kein Freibier. 
  4. Eine schöne Atmosphäre ist die halbe Miete! Es ist verdammt nochmal ein Irrglaube das Licht nicht wichtig ist oder keinen interessiert. Nein, eine besinnliche Lichtinstallation ist das A und O für eine gute Party. Keiner tanzt wenn es zu hell ist, keiner möchte im Dunkeln sitzen weil die Glühbirnen so blenden und unter kaltem weißen Licht sieht so ziemlich jeder Superlover abstoßend aus. Also bitte, bitte irgendwie um schönes Licht kümmern. Farbige Glühbirnen, Folie, Lichterketten, Kerzen, irgendwas nur keine normales weißes Licht. Danke.
  5. Gib den Kindern was zum spielen! Exklusivität ist das Tüpfelchen auf dem Sahnehaufen bzw. die Kirsche auf dem i. Denn deine Party kann noch so schön sein, um in den Köpfen der Menschen zu bleiben musst du was organisieren, über das sich die Leute unterhalten können. Ein Konzert, eine Aufführung oder irgendeine andere Aktivität. Das fördert ganz nebenbei auch noch die Kommunikation innerhalb der Feiergemeinschaft. Man kann sich darüber mit völlig fremden Unterhalten. Am besten ist es natürlich, wenn die Gäste an der Aktivität selber teilnehmen können. Kreativität fördert das Wohlbefinden. Ach und das mit der Exklusivität geht natürlich schon bei der Einladung los. Eine mündlich ist schön und gut, eine private Party zu der Flyer gedruckt wurden ist etwas Besonderes.
  6. Was würde Mehmet Scholl tun? Versuche dich in deine Gäste hineinzudenken. Wie würdest du dich auf einer Party von anderen Leuten verhalten? Ok, also alles teure, wichtige, zerbrechlich wegräumen. Zur Not Abdeckplanen kaufen. Denn so lieb deine Gäste auch sind, wenn sie besoffen sind, sind sie tollpatschig und werden überheblich. Aber du solltest auch beachten, dass besoffene Gäste nicht doof sind. Sie sind nur faul. Wenn sie einen Mülleimer in Reichweite sehen, werden sie ihn nutzen. Wenn nicht werfen sie ihren Dreck auf den Boden. Wenn sie etwas zu essen vorfinden, knabbern sie drauf los und fühlen sich wohl. Wenn nicht kotzen sie dir das Bett voll. Das kann natürlich auch sonst vorkommen, aber essen minimiert dieses Risiko. 
  7. Schuhe an! Zu guter Letzt noch ein Tipp in Sachen Behaglichkeit. Niemand feiert gerne ohne Schuhe, niemand will in ausgelaufenes Bier latschen und niemand hat gerne kalte Füße. Ich weiß nicht wer sich einmal ausgedacht hat, dass diese „Schuhe aus“-Regeln eine gute Idee wäre. Ohne Schuhe kann man alle anderen Regeln hier vergessen. Es wird nicht getanzt, die Atmosphäre ist in Arsch und auch Mehmet Scholl hilft dann nicht mehr. Wer also dieses bisschen weniger putzen gegen eine gute Party eintauschen will kann das machen. Dann sollte er die Gäste aber eher Nachmittags laden und Kaffe und Kuchen servieren. Das nennt sich zwar Kaffeekränzchen, ist aber auch ganz nett. Mit Oma und Opa uns so.

 

Der Flyer zu unserer Party, zu unserem Glück

Jetzt fragt ihr euch, was das alles mit meinem Erasmus-Jahr in Schweden zu tun hat. Ganz einfach! Wir haben den Wettbewerb gewonnen. Ganz klar. Das kann man bereits jetzt behaupten. Ohne die Konkurrenz der nächsten zwei Monate begutachtet zu haben. Denn auf dem „Worst Beer Contest“, bei dem in etwa 200 Erasmus Studenten unsere Räumlichkeiten aufsuchten, waren alle Regeln erfüllt. Wir hatten Musik von meinem Laptop, drei befeierbare Räume, jede Menge gutes und schlechtes Bier, grünes, gelbes und blaues Licht, einen Wettbewerb um die schlechtesten, hier erhältliche Biersorte (siehe Ergebnis) an dem jeder Gast teilnehmen konnte, Abdeckplanen über der Betten und Mülleimer auf dem Flur. Selbst das mir den Schuhen konnte ich durchboxen. Also ein voller Erfolg. Wir haben den geilsten Korridor in ganz Ryd!

Nur ein Problem gibt es noch. Nasir weilt immer noch unter uns. In den letzten vier Wochen hat er sich zwar von der chauvinistischen Dreckschleuder zum ängstlichen Schattenmann gewandelt und dadurch keinen mehr gestört, aber irgendwie will man ja schon, dass so ein Verrückter nicht direkt neben einem wohnt. Schließlich kann die Eisenstange das nächste Mal ein Messer sein. Da passte es ganz gut, dass Guillaume vor kurzem auf der Internetseite unseres Vermieters gesehen hat, dass sein Raum ab 1.11. neu vermietet wird. Hurra! Endlich ein neuer Mitbewohner. Und womöglich auch noch jemand cooles. Unglücklich nur, dass wir dann ja noch eine Willkommens-Party machen müssen. Na, wenn es eben sein muss.